Einem Westdeutschen und der KI sei Dank: Auf einer Mondbasis lebt die DDR weiter
Dresden - Kurz vor dem Mauerfall gelang es der DDR, auf dem Mond eine Kolonie zu gründen und 120.000 treue Genossen umzusiedeln. Seither existiert der Arbeiter-und-Bauern-Staat - von westlichen Geheimdiensten unbemerkt - in 380.000 Kilometern Entfernung weiter. Vor wenigen Monaten wurde die Tarnung allerdings aufgegeben. Denn jetzt erzählen Dutzende Propaganda-Videos auf irdischen Social-Media-Kanälen vom harmonischen Leben auf dem sozialistischen Mond.
Erich Honecker, der nach seiner Begegnung mit Außerirdischen eher jünger zu werden scheint, ist noch immer der große Staatsratsvorsitzende. Auch für viele Mondbürger scheint die Zeit im 30. bis 40. Lebensjahr stehen geblieben zu sein. Sie strahlen im 80er-Jahre-Schick in die Kamera und berichten von den neuesten Errungenschaften an ihren Arbeitsplätzen - Kampfplätzen für den Frieden, versteht sich.
In peppigen Agitationsfilmen im Stile der "Aktuellen Kamera" wird von der Planerfüllung und den Fortschritten im VEB Weltraumgurke oder im Kombinat Kosmosmilch berichtet. Die Werktätigen fahren auch auf dem Mond Trabant. Den Forschern des VEB Sachsenring ist es gelungen, ihn aufgrund der geringeren Schwerkraft auf unserem Erdtrabanten auch fliegen zu lassen.
Es ist eine bunte und fantastische Welt auf der DDR-Mondbasis. Glaubt man den Kommentaren auf YouTube oder TikTok, wollen sich viele dorthin umsiedeln lassen.
Leider existiert dieser Sehnsuchtsort nur im Internet. Die Filme wurden durch künstliche Intelligenz (KI) erzeugt, auch die Stimme des moderierenden Agitators. Hinter dem Projekt der DDR-Mondbasis steckt Philipp Ladage (31) aus Hannover.
YouTube-Video zeigt Neuanfang im Kosmos
Um Ostalgie geht es dem gelernten Einzelhandelskaufmann und studierten Betriebswirt dabei nicht: "Es ist nicht meine Sache, die DDR zu verherrlichen oder schlechtzureden. Das Ganze spielt in einer fiktiven Realität, die vor allem unterhalten soll."
Das gelingt ihr inzwischen äußerst erfolgreich. Vor etwas über zwei Jahren begann Ladage mit KI zu experimentieren. Die Idee, Erich Honecker auf den Mond zu schießen, entstand in einem Telefonat mit seinem Bruder.
Und die künstliche Intelligenz benötigt keine eigene Fantasie, wenn man ihr genau erklärt, welche Sequenzen sie erstellen soll. Der erste Film von der DDR auf dem Mond wurde über 100.000 Mal geklickt. Seither wächst die Fangemeinschaft immer mehr.
Diese erfährt von den zackigen Aufmärschen zum Staatsfeiertag in der großen Halle des Volkes. Oder von neuen Exponaten im Sigmund-Jähn-Kosmosmuseum. Von der erfolgreichen Kollektivierung des Mondstaubs wird berichtet, vom Nachbau des Berliner Fernsehturms oder des Chemnitzer Karl-Marx-Nischels. So mancher Ossi wähnt sich in dieser Fantasiewelt kurzzeitig auf der Seite der Sieger der Geschichte zu stehen.
Videos sind auch auf Instagram zu sehen
Wenn die Werktätigen in ihren sozialistischen Feierabend gehen, trainieren sie in Betriebssportgemeinschaften oder treiben in Weltraumanzügen Popgymnastik in der kargen Mondlandschaft. Danach stoßen sie mit Muckefuck oder Energie-Drinks an - Geschmacksrichtung Spreewaldgurke oder Bautzener Senf.
Natürlich werden vornehmlich die klassischen Klischees über die DDR bedient, auch das Schlangestehen oder Sächseln. Doch in der Liebe zum Detail offenbart sich ein Humor, hinter dem man eher einen DDR-Insider vermuten würde.
Dabei konnte Philipp Ladage aus Ungnade der späten und zu westlichen Geburt das Land gar nicht kennenlernen: "Ich habe mich aber schon immer für Geschichte und besonders die DDR interessiert. Auch meine Ostverwandtschaft hat mir einiges erzählt. Vieles erfährt man, wenn man sich die alten Propaganda-Filme anschaut."
Aber auch Aspekte der DDR, welche sich garantiert niemand zurückwünscht, existieren noch auf der Mondbasis.
Besonders oft geklickt werden Kurzvideos
Die Genossen der Mondsicherheit schnüffeln im Privatleben herum und ermitteln gegen Leute, die vom sozialistischen Glauben abgefallen sind. Als ein Fluchtversuch vereitelt werden konnte, wurde eine riesige Mauer errichtet. Die nennt sich hier nicht antifaschistischer Schutzwall, sondern sozialistische Errungenschaft gegen den Mondstaub.
Besonders oft geklickt werden Kurzvideos, in denen die Mond-Ossis beim Schwof im Kulturhaus zur Musik des Schallplattenunterhalters Klaus Kosmonaut das Tanzbein schwingen. Oder wenn Schnauzbart tragende Werktätige in der HO-Wohngebietsgaststätte den Genossinnen mit aufgeknöpften Blusen zuprosten.
Die KI komponierte sogar einen Mondbasis-Schlager, welcher im Stil von "Ein Kessel Buntes" vorgetragen wird - von einer Sängerin, die ein wenig an Regina Thoss erinnert.
Das typische DDR-Problem von leeren Regalen in der Kaufhalle findet man eher in Philipp Ladages irdischem E-Shop. Weil die Fans vor der Weihnachtszeit zuschlugen, musste er einige Produkte mit "Leider vergriffen, Genosse!" betiteln. Plakate und Postkarten mit Motiven von der DDR auf dem Mond sind besonders beliebt, aber auch T-Shirts, Tassen oder Einkaufsbeutel.
Seinen Job im Einzelhandel konnte Ladage inzwischen an den Nagel hängen. Als KI-Künstler verdient er jetzt sein Geld, indem er für Unternehmen kleine Werbefilme generiert. Die Mondbasis soll aber weiter wachsen: "Für mich steht das Projekt noch immer am Anfang. Vielleicht entsteht ein Spielfilm, eine Serie oder ein Videospiel. Mit dem Fortschritt der Technik gibt es vielleicht einmal eine begehbare virtuelle Welt." Dem sozialistischen Kosmos sind keine Grenzen gesetzt.
Info: ddr-mondbasis.de.
Titelfoto: Bildmontage: ddr-mondbasis.de, privat

