Berlin kann Winter nicht - ein Kommentar

Berlin - Berlin rutscht aus. Und zwar nicht nur auf Glatteis, sondern politisch gleich mit. Die Hauptstadt gibt sich angesichts der Folgen des Unwetters erneut der Lächerlichkeit preis. Ein Kommentar.

Berlin: Die Politik hat das Winterwetter verschlafen, meint TAG24-Redakteur Denis Zielke.  © Carsten Koall/dpa

Während andere Städte Winterdienst machen, macht Berlin Standortmarketing für Orthopäden. Die Feuerwehr ist am Limit, Wartezimmer sind proppenvoll, Rentner gehen auf Krücken. Und die Politik? Streitet, taktiert, klagt.

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (53, CDU) wirkt wie ein Mann, der den Winter nur aus dem Kalender kennt. Er bittet, bettelt, mahnt - und scheitert an der eigenen Koalition. Die SPD lässt ihn hängen. Vorwahlkampf statt Verantwortung. Hauptsache, der Partner sieht schlecht aus. Dass dabei Menschen stürzen, ist offenbar Kollateralschaden.

Noch frostiger agiert Umweltsenatorin Ute Bonde (58, CDU). Statt mit Augenmaß und Gesprächsbereitschaft kommt sie mit der Verordnung. Tausalz per Ansage - ohne Rückendeckung, ohne Plan B. Das Ergebnis: Klage vom Naturschutzbund Nabu, politischer Totalschaden. Dünnes Eis, vorhersehbarer Einbruch.

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Derweil stranden seit Donnerstagabend unzählige Passagiere am sogenannten Hauptstadtflughafen: Der BER setzte seinen Betrieb aus. Auch am Freitagmorgen sitzen Reisende weiter auf gepackten Koffern und kommen nicht vom Fleck.

Doch der eigentliche Skandal liegt tiefer. Denn dieser Winter zeigt, was sonst gern verdrängt wird: Glatteis ist eine Klassenfrage.

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Eis und Glätte legen Berlin lahm und offenbaren Defizite

Flüge wurden am Hauptstadtflughafen gestrichen oder haben Verspätung.  © Carsten Koall/dpa
Weil am BER der Flugverkehr aufgrund der Witterung eingeschränkt ist, sitzen zahlreiche Passagiere fest.  © Carsten Koall/dpa

Wer im Einfamilienhaus wohnt, streut halt selbst. Wer Zeit, Geld, Garage und gesunden Rücken hat, kommt klar. Wer aber im Altbau wohnt, im Schichtdienst arbeitet, den Kinderwagen schiebt oder mit dem Rollator unterwegs ist, spielt russisches Roulette auf dem Gehweg.

Die Berliner Stadtreinigung (BSR) verteilt Splitt. "Haushaltsüblich", wurde vermeldet. Heißt konkret: zehn Liter. Wer kann, fährt halt zweimal. Wer nicht kann, bleibt liegen. Willkommen im sozialen Winterdienst der Hauptstadt.

In der Abwägung Baum oder Mensch müsste die Antwort eigentlich banal sein. Doch Berlin schafft es wieder, daraus einen ideologischen Glaubenskrieg zu machen. Naturschutz gegen Nächstenliebe. Paragraf gegen Praxis. Prinzip gegen Realität.

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Die angekündigte Gesetzesänderung kommt. Irgendwann. Für viele zu spät. Für die, die gerade mit Gipsbein im Wartezimmer sitzen, ist sie kein Trost. Nur ein weiterer Beweis dafür, wie schnell die Landespolitik schon bei winterlicher Routine ins Schlittern kommt.

Berlin hat diesen Winter verloren. Nicht gegen Eis und Schnee. Sondern gegen sich selbst.

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