Nairobi (Kenia) - Auf den ersten Blick wirken die Ray-Ban Glasses des Facebook-Konzerns Meta wie ganz gewöhnliche Brillen. Tatsächlich verbirgt sich in den Gestellen jedoch jede Menge Technik, mit der eine weitreichende Datenerfassung möglich ist.
Kameras, Mikrofone und sogar ein KI-Assistent: Wie eine aktuelle Recherche der schwedischen Zeitungen "Svenska Dagbladet" und "Göteborgs-Posten" zeigt, sind die hochmodernen Ray-Ban-Brillen von Meta mit Vorsicht zu genießen.
Über den Sprachbefehl "Hey Meta" lässt sich ein KI-Assistent aktivieren, der die Umgebung analysiert und Fragen beantwortet - etwa zu Sehenswürdigkeiten, Speisekarten oder Texten im Sichtfeld. Dafür werden Bild- und Tonaufnahmen an Server des Unternehmens Meta Platforms übertragen und dort verarbeitet.
Hier wird es pikant: Ein Teil dieser Daten wird nicht ausschließlich automatisiert ausgewertet. Auch menschliche Mitarbeiter prüfen das Material.
Diese sogenannten Datenannotatoren markieren Inhalte, um die zugrunde liegenden KI-Systeme zu trainieren und zu verbessern. Dabei bekommen sie jedoch auch intime Inhalte zu sehen, die nicht für ihre Augen bestimmt sind.
Datenanalyse durch Meta-Mitarbeiter in Nairobi
Für ihre Recherche befragten die Zeitungen rund 30 Mitarbeiter des Meta-Dienstleisters Sama in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Die Beschäftigten arbeiten dort unter strengen Geheimhaltungsvereinbarungen.
Mehrere von ihnen berichten, dass sie regelmäßig Aufnahmen sehen, die sehr private Situationen zeigen. Dazu gehören etwa Szenen aus Wohnungen, intime Momente oder Gespräche zwischen Nutzern und dem KI-Assistenten.
Laut den anonymen Aussagen der Angestellten kann der Inhalt von alltäglichen Interaktionen bis hin zu sensiblen oder belastenden Themen reichen. "Jemand ist mit seiner Brille herumgelaufen, da kam die Partnerin nackt aus dem Badezimmer", erzählt ein Datenannotator.
Er ergänzt: "Wir sehen alles, von Wohnzimmern bis zu nackten Körpern. Das sind Menschen wie du und ich."
Da Audioaufzeichnungen ebenfalls ausgewertet werden, hören die Mitarbeiter in Nairobi auch intime Dialoge oder Selbstgespräche, etwa über dunkle Abgründe und sexuelle Fantasien.
Meta-Brillen werfen rechtliche und gesellschaftliche Fragen auf
Nach Angaben von Meta müssen Nutzer, die die KI-Funktionen der Brille aktivieren, den Nutzungsbedingungen zustimmen. Eine Möglichkeit, dieser Form der Datenauswertung vollständig zu widersprechen, wird in der Recherche nicht erwähnt.
Ein Sprecher von Meta erklärte auf Nachfrage zwar, dass Medieninhalte bei der Nutzung der Live-KI gemäß den geltenden Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinien verarbeitet würden. Dennoch bleiben rechtliche Risiken - gerade bei sensiblen Bereichen der Privatsphäre - bestehen.
Die smarten Brillen von Meta werden inzwischen weltweit verkauft, auch über große Optiker-Ketten. "Ich glaube, wenn die Leute wüssten, wie viele Daten da gesammelt werden, würde sich niemand mehr trauen, die Brille zu benutzen", fasst es einer der Meta-Mitarbeiter zusammen.