Rom (Italien) - Diese Frechheit erinnert schon fast an einen aktuellen Präsidenten: Der mächtigste Herrscher des mittelalterlichen Abendlandes fordert den Papst auf, sofort zurückzutreten und erklärt ihn für abgesetzt.
Vor 950 Jahren, am 24. Januar 1076, begann der Hoftag zu Worms und König Heinrich IV. ließ die deutschen Bischöfe einen entsprechenden Brief nach Rom unterschreiben.
Im Gegenzug erklärte der Papst den König für abgesetzt und warf ihn aus der Kirche. Mit dem erniedrigenden Gang nach Canossa endete dieser sogenannte Investiturstreit aber noch lange nicht.
Im elften Jahrhundert war der überwiegende Teil der Landbevölkerung bettelarm und lebte von der Hand in den Mund. Lediglich am Hof des Königs und bei den Fürsten und Adligen, welche die Bauern in Leibeigenschaft hielten, waren Macht und Reichtum gebündelt. Und bei den höheren Vertretern der Kirche, etwa den Bischöfen. Diese wurden vom König ernannt.
Die Bischöfe erhielten zum Amtsantritt einen Ring für die Treue zur Diözese und den Stab als Symbol eines Hirten. Das nannte man Investitur - Einkleidung. Zusätzlich bekamen sie aber auch die Verantwortung für die Städte, Burgen und das Land in ihrem Gebiet - eine hohe Fülle an Macht und Reichtum. Daher setzten Kaiser oder Könige meist Verwandte oder treu ergebene Gefolgsleute auf diese Posten, um die eigene Macht zu sichern.
Dass ein weltlicher Herrscher die Gottesdiener bestimmte, war vielen Kirchenleuten schon lange ein Dorn im Auge. Sogar bei der Bestimmung eines Papstes hatte der römisch-deutsche König - neben den wählenden Kardinälen - ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.
Im Jahr 1073 gab es eine Ausnahme: Unter tumultartigen Begleitumständen wurde vom römischen Volk der Hardliner Papst Gregor VII. inthronisiert. König Heinrich hatte gerade mit dem sich anbahnenden Sachsenaufstand zu tun.
Selbstbewusster Gregor erhob Anspruch
Beide - König und Papst - waren fest davon überzeugt, dass ihre Macht und Herrschaft von Gott gegeben ist. Und in Heinrichs Selbstverständnis stand er über dem Papst.
Doch der selbstbewusste Gregor erhob den Anspruch, auch in weltlichen Fragen die höchste Autorität zu sein und damit auch über Kaiser und Reich zu stehen. Ein bitterböser Briefwechsel mit persönlichen Beleidigungen entwickelte sich. Während dieses Machtkampfes zitierte der Papst den König nach Rom - erscheine er nicht, drohe ihm der Kirchenbann.
Daher ließ Heinrich heute vor 950 Jahren die Bischöfe Deutschlands und Oberitaliens in Worms antanzen. Ergebnis der hitzigen Sitzung war ein Brief der Kirchenmänner an Gregor, in welchem sie ihm den Gehorsam aufkündigen.
In seinem Begleitschreiben "an Hildebrand, nicht mehr Papst, sondern falscher Mönch" forderte Heinrich, dass er den Heiligen Stuhl freigeben soll.
Gregor erklärte deutschen König für abgesetzt
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Drei Wochen später erklärte Gregor den deutschen König für abgesetzt.
Von den Kanzeln ließ er verkünden, dass alle Christen von ihrem Eid gegenüber dem König entbunden seien und ihm nicht mehr folgen sollen. Und er belegte Heinrich mit dem Kirchenbann, welcher den gottesfürchtigen Mann nun um sein Seelenheil bangen ließ.
Die deutschen Fürsten, auf welche er beim Regieren angewiesen war, stellten Heinrich ein Ultimatum: Entweder gelingt es ihm, den Bann binnen eines halben Jahres zu lösen, oder sie würden ihm die Gefolgschaft verweigern. Und so machte er sich im Winter 1076 auf den erniedrigenden Gang ins norditalienische Canossa, wo er sich im Büßergewand dem Papst unterwarf und wieder als König eingesetzt wurde.
Bisher war klar: Der König steht über der Kirche - dieses Verhältnis hatte sich damit umgekehrt.
Die Zeiten blieben turbulent. Gregor setzte Heinrich 1080 erneut als König ab, worauf dieser einen "Gegenpapst" wählen ließ. Nach mehrmaliger Belagerung gelang es ihm 1084, die Stadt Rom einzunehmen und Gregor abwählen und exkommunizieren zu lassen. Sein neuer Papst krönte ihn dann zum Kaiser.
Erst Jahrzehnte später wurden die Kompetenzen neu geordnet
Auch das Ende des Investiturstreits wurde in Worms besiegelt - allerdings erst im Jahr 1122. Hunderte Zeugen waren auf eine große Wiese gekommen, weil Kaiser Heinrich V. und Papst Calixt II. die neue Regelung für den Einsatz der Bischöfe verkündeten.
Der Kaiser akzeptierte den Anspruch der Kirche, den vom Domkapitel gewählten Amtsträgern Ring und Stab zu verleihen. Seine Beamten gewährleisten dabei freie Wahlen. Die weltlichen Hoheitsrechte hingegen erhalten die Bischöfe vom Kaiser durch das damals eingeführte Zepterlehen.
Sah das Volk bisher eine gottgegebene Einheit von Kaisertum und Papsttum, war die sakrale Aura des weltlichen Herrschers nun erschüttert. Das Reich musste gegenüber der Kirche starke Einbußen hinnehmen.
Der machthungrige Kaiser Barbarossa und sein Enkel Friedrich II. versuchten später die alten Machtverhältnisse wiederherzustellen, scheiterten aber.