Arachnophobiker aufgepasst: 615 Spinnenarten krabbeln im Nordosten herum

Von Winfried Wagner

Karow (Ludwigslust-Parchim) - Sie sind meist klein, aber gefräßig und gelten als wichtige Anzeiger für intakte Natur - die Spinnen. Für die Achtbeiner hat Mecklenburg-Vorpommern nun einen Spinnenatlas vorgelegt.

Autor Dieter Martin zeigt den "Spinnenatlas" für Mecklenburg-Vorpommern.
Autor Dieter Martin zeigt den "Spinnenatlas" für Mecklenburg-Vorpommern.  © Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

"Damit gibt es erstmals einen Überblick über alle im Land vorkommenden Arten, ihre Verbreitung und ökologischen Ansprüche", sagte die Direktorin des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie, Ute Hennigs, am Donnerstag bei der Vorstellung des zweibändigen Werkes in Karow.

Der Spinnenatlas sei eine Sternstunde für Spinnenforscher, sagte Christoph Muster als Vorsitzender der Arachnologischen Gesellschaft (Würzburg), die sich mit der Verbreitung der Spinnen (Araneae) in Deutschland, Österreich und der Schweiz befasst.

"Spinnen sind eine megadiverse Gruppe", sagte Muster mit Blick auf den Insektenrückgang. Die Achtbeiner seien neben Käfern besonders wichtig für Untersuchungen zur Artenvielfalt. Dazu müsse man nun genauer sehen, wie sich die Bestände entwickeln.

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Aus der 1100 Seiten starken Arbeit mit fast 500 Bildern geht hervor, dass 615 Arten von Spinnen im Nordosten leben.

Bundesweit haben Spinnenexperten etwa 1060 Arten gezählt, die Nachbarländer Brandenburg (641), Sachsen-Anhalt (649) und Schleswig-Holstein (563) liegen ähnlich hoch.

Die Hauswinkelspinne ist mit fast sieben Zentimetern die größte Art im Nordosten

Die Hauswinkelspinne, die auch einfach nur als "Hausspinne" oder Kellerspinne bezeichnet wird, ist die größte Art, die in Mecklenburg-Vorpommern verbreitet ist.
Die Hauswinkelspinne, die auch einfach nur als "Hausspinne" oder Kellerspinne bezeichnet wird, ist die größte Art, die in Mecklenburg-Vorpommern verbreitet ist.  © Boris Roessler/dpa

"Gefährlich für Menschen ist aber keine der Spinnen", sagte der 75 Jahre alte Biologe und Autor Dieter Martin, der die Daten seit 1964 gesammelt hat.

Ihm zur Seite standen viele Helfer, die seit vier Jahren Spinnen in sieben Naturparken fingen oder systematisch Wiesen und Felder nach bestimmten Arten absuchten.

"Die größte ist mit fast sieben Zentimetern die Hauswinkelspinne, die kleinste mit weniger als einen Millimeter Länge das Grünliche Sumpfspinnchen", erläuterte Martin.

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Er habe festgestellt, dass die Vielfalt auf nicht genutzten Flächen, wie Trockenrasen auf alten Übungsplätzen, hoch sei.

Auf intensiv genutzten Flächen nähmen die Bestände dagegen ab. Als Beispiel nannte Martin die Wespenspinne, die am schwarz-gelben Muster zu erkennen sei, und die Marmorierte Kreuzspinne.

Aber auch Arten, die lange als "nicht mehr auffindbar" galten, fanden Spinnensucher nun wieder: Die Amerikanische Streckenspinne an der Müritz sowie die Steppen-Plattbauchspinnen.

Auch seltene Spinnenarten haben sich in besonders geeigneten Biotopen angesiedelt

Dieter Martin wirft einen Blick in den Spinnenatlas für Mecklenburg-Vorpommern.
Dieter Martin wirft einen Blick in den Spinnenatlas für Mecklenburg-Vorpommern.  © Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

In zwei besonders geeigneten Biotopen, bei Marienfließ südlich von Plau und in den Binnendünen von Altwarp, leben sogar zwei Arten, die bisher nirgends in Deutschland gefunden wurden, wie Martin sagte.

Bei Marienfließ krabbelt der Steppen-Sichelspringer, der vielleicht von russischen Soldaten eingeschleppt worden sei, die dort einst trainierten. Nahe Altwarp lebt der Sand-Dornfinger, der eigentlich aus Ungarn kommt.

Sogar auf der abgelegenen Ostsee-Insel Greifswalder Oie hat sich eine besondere Art niedergelassen - die Pechschwarze Tapezierspinne.

Damit Spinnen in Deutschland mehr Aufmerksamkeit bekommen, haben die Spinnenforscher gerade erst deutsche Namen für alle Arten entwickelt, erläuterte Muster. Bisher war man mit lateinischen Namen ausgekommen.

Grundsätzlich würden sich durch Klimaerwärmung mehr wärmeliebende Spinnenarten weiter nördlich ansiedeln, sagte Udo Steinhäuser vom Naturschutzbund Deutschland.

So habe sich die Nosferatu-Spinne bereits von Süden bis Berlin ausgebreitet. Sie lebe in Häusern und sei groß: "Sie sieht auch furchterregend aus, aber sie ist harmlos."

Titelfoto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

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