Von Stefan Hantzschmann
Meiningen - Eine Feier machen sie noch im Kindergarten "Am Märchenwald" in Wallbach. Die Stadt Meiningen in Thüringen will ein paar Biertischgarnituren bereitstellen. Sie werden Eltern einladen, das Kita-Personal und natürlich die zehn Kinder, die zuletzt noch in der Einrichtung angemeldet waren. Für die beiden Schulanfänger gibt es am Mittwoch ein Zuckertütenfest. Noch einmal lachen, spielen, toben auf dem riesigen Gelände. Dann ist Schluss. Nach 96 Jahren Kinderbetreuung in dem kleinen Ort bei Meiningen wird der Kindergarten schließen.
"Wir haben gehofft, dass so etwas nie passiert", sagt Wallbachs Ortsteilbürgermeister Steven Bamberg.
Der Kindergarten "Am Märchenwald" liegt malerisch, umgeben von bewaldeten Bergen. Ein schmaler Pfad führt hoch zum weitläufigen Gelände der Einrichtung.
Es gibt einen Sandkasten, eine Kletterhütte, eine Schaukel. Bunte Fähnchen wehen im Wind. Wer bis zum Zaun geht und durch das Tor tritt, steht im Wald.
Ein Kindergarten im Ort sei etwas Besonderes - noch dazu in einer solchen Lage, direkt am Wald, sagt Bamberg. Der SPD-Politiker war selbst einst Kindergartenkind in der Einrichtung. Nun muss er das Aus organisieren.
"Wir haben uns Mühe gegeben, mit viel Werbung wenigstens noch die 100 Jahre voll zu bekommen. Aber es war nicht möglich."
Die Stadt hatte den Kindergarten in Wallbach vor zwei Jahren übernommen und noch einmal investiert - in Umbauten und ins Außengelände. Doch die Lage spitzte sich zuletzt zu. Nicht eine einzige neue Anmeldung lag der Einrichtung zuletzt für das neue Kita-Jahr vor. Acht Kinder wären dann noch übrig, zwei Erzieherinnen - es reicht einfach nicht mehr.
Kita "Am Märchenwald" gegenüber anderen Kitas im Hintertreffen
Wie in vielen anderen Regionen Ostdeutschlands schlägt die Demografie auch in Wallbach erbarmungslos durch. Viele Kindergärten im Freistaat stehen unter Druck, weil Plätze frei bleiben. Einige Einrichtungen mussten bereits schließen oder stehen kurz davor.
So wie die Kita "Am Märchenwald" in Wallbach. Zwei Erzieherinnen wechseln sich hier mit Früh- und Spätschicht ab. Es gibt noch eine Sozialassistentin. Der Kindergarten hat von 6.45 Uhr bis 16.30 Uhr geöffnet. Die Einrichtung im Nachbarort öffnet von 6 bis 17 Uhr.
Für einige Wallbacher passen die längeren Öffnungszeiten besser zu ihrem Job - sie meldeten ihre Kinder dort an. Bei Krankheit und Urlaub braucht es Vertretungen aus anderen Einrichtungen.
Im November vergangenen Jahres kam dann alles zusammen: Zwei Krankheitsfälle, eine Mitarbeiterin im Urlaub, Ersatz gab es nicht. Eine Woche lang mussten die Wallbacher Kinder in die Einrichtung im Nachbarort. Künftig werden sie dort dauerhaft in der Betreuung sein.
Kita-Gebäude wird nicht verkauft
"Dass dieses demografische Echo in den Bevölkerungsberechnungen uns irgendwann ereilen wird, war klar", sagt Bürgermeister Fabian Giesder.
Es hätte Meiningen und andere Orte in Thüringen schon eher treffen können. Giesder sagt, dass der Einbruch der Kinderzahlen eigentlich für die Jahre ab 2018 prognostiziert worden war.
Doch erst kamen syrische Geflüchtete. Alleinstehende zogen weiter in die Großstädte, erklärt Giesder. Familien blieben. Später kamen ukrainische Kinder in die Kitas. Der Einbruch der Kinderzahlen trifft Meiningen also mit Verspätung.
In Wallbach gründet sich nun ein Förderverein. Wallbachs Ortsteilbürgermeister Bamberg sagt, der Kindergarten war auch ein Treffpunkt.
"Es gibt ja keine Gaststätten, keine Kneipen mehr." Die Kita sei auch wichtig für den Zusammenhalt im Ort gewesen. Andere Kindergärten sollen ihn künftig für Waldwochen oder für Ausflüge nutzen können. Das Gebäude werde nicht verkauft. "Es kommen ja vielleicht auch wieder andere Zeiten."