Thüringen ist Schlusslicht in Sachen Produktivität
Von Simone Rothe
Erfurt - Thüringen gehört zu den am stärksten industrialisierten Bundesländern, ist aber gleichzeitig Schlusslicht bei der Produktivität. Zu diesem Befund kommt der neue Mittelstandbericht, den Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (56) und der Vize-Chef der Dresdner Niederlassung des ifo-Instituts, Joachim Ragnitz (66), in Erfurt vorlegten.
Die Ministerin sprach von einer ehrlichen Bestandsanalyse, nach der Thüringen über starke industrielle Kerne, einen leistungsfähigen Mittelstand und großes Innovationspotenzial verfüge. Hauptprobleme seien neben dem Produktivitätsrückstand zu wenige Investitionen und der sich verschärfende Fachkräftemangel.
In den nächsten zehn Jahren sei mit dem Verlust von etwa 120.000 Erwerbstätigen zu rechnen. Thüringen brauche eine "echte Willkommenskultur für ausländische Fachkräfte", mehr Aus- und Weiterbildung, aber auch mehr Vollzeit- statt Teilzeitstellen, sagte Boos-John.
Nach Einschätzung von Ragnitz sorgen die fehlenden Arbeitskräfte in der Tendenz dafür, dass die Löhne im Freistaat steigen. Das könnte sogar Investitionen anregen - allerdings vor allem in Automatisierungstechnik.
Derzeit machten einige Branchen einen harten Strukturwandel durch. Die Transformation der Wirtschaft sollte aber auch als Chance begriffen werden - für Produktivitätsgewinne durch Innovationen, Digitalisierung und Einsatz Künstlicher Intelligenz sowie die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Quellen, sagte die Ministerin. "Wir haben eine solide wirtschaftliche Basis, die Potenzial hat." Das gelte unter anderem für die Bereiche Optik, Mikroelektronik und Maschinenbau.
Beschäftigten- und Unternehmenszahl sinkt
Boos-John kündigt an, dass Investitionen gezielter gefördert werden sollen. "Wir werden die Förderung smarter einsetzen." Bei den Bruttoanlageinvestitionen pro Einwohner erreiche Thüringen derzeit nur 60 Prozent des westdeutschen Wertes.
Nach Angaben von Ragnitz sind 99,3 Prozent der Betriebe im Freistaat mittelständisch geprägt. Drei Viertel der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe arbeiteten bei Mittelständlern. Gleichzeitig sei Thüringen das Bundesland mit der am stärksten schrumpfenden Erwerbstätigenzahl.
Viele Arbeitnehmer gehen derzeit und in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Gleichzeitig sinke die Zahl der Unternehmen.
"Es gibt zu wenig Erneuerung des Bestandes." Hinzu komme, dass Unternehmenschefs häufig keine Nachfolger fänden.
Worauf Thüringen aufbauen kann
Auf der Habenseite verbuche Thüringen zusammen mit Berlin einen Spitzenplatz beim Anteil von Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt. Stark sei dabei vor allem der Hochschulsektor. Forschungskooperationen, die vor allem in Jena, Ilmenau und Erfurt gut funktionierten, hätten eine Ausstrahlung auf Unternehmen quer durch den Freistaat von Nordhausen und Gera bis nach Meiningen und Sonneberg, so Ragnitz.
Zu den Empfehlungen an die Landespolitik in dem Mittelstandbericht gehören, dass mehr Investitionsanreize gesetzt werden sollten - durch Änderungen in der Förderpolitik sowie bessere Standortbedingungen unter anderem durch Abbau bürokratischer Hürden. Zudem sollten kleine Wachstumspole in ländlichen Regionen stärker unterstützt werden, das könnte über die Verbesserung der Infrastruktur in den Mittelzentren geschehen.
Ragnitz mahnte, die Verwaltung angesichts der sinkenden Einwohnerzahl in Thüringen nicht weiter auszubauen. Nach Angaben von Boos-John sollen etwa 4.000 freie Stellen im Landesdienst schrittweise gestrichen werden.
Der Mittelstandsbericht wurde im Auftrag des Wirtschaftsministeriums vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (Karlsruhe/Leipzig) gemeinsam mit dem ifo-Institut Dresden erarbeitet.
Titelfoto: Fotomontage: Martin Schutt/dpa//Bodo Schackow/dpa-Zentralbild/dpa//

