Als Telmo Pires zweimal einen Anruf von "Carlos" bekam und nicht ranging

Lissabon/Dresden - Kein anderer Fado-Interpret gewinnt so leicht neue Fans für dieses emotionale, melancholische musikalische Genre wie Telmo Pires (50). Der im Ruhrgebiet aufgewachsene Portugiese vereint die kraftvolle Energie eines Rockstars und die Sensibilität eines Kammerspiel-Darstellers, wenn er von Liebe, Sehnsucht, Weltschmerz oder guten wie schlechten Zeiten, den Hauptthemen des Fado, singt.

Telmo Pires (50) kam als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland, wuchs im Ruhrgebiet auf, lebte später in Berlin und kehrte schließlich nach Portugal zurück.
Telmo Pires (50) kam als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland, wuchs im Ruhrgebiet auf, lebte später in Berlin und kehrte schließlich nach Portugal zurück.  © Michael Wudick

Sein aktuelles Album "Através do Fado" wurde im Februar 2020 veröffentlicht - exakt zum Beginn des ersten Corona-Lockdowns in Portugal. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert und Telmo Pires tritt nach fast drei Jahren wieder in Deutschland auf. Vor seinem Abflug von Lissabon nach Berlin hat er sich für ein Gespräch mit TAG24 Zeit genommen.

TAG24: Herr Pires, wie geht es Ihnen?

Telmo Pires: Es läuft nicht mehr ganz so routiniert. Durch Corona ist viel weggebrochen. Dabei hatte ich noch Glück, weil ich im vergangenen Jahr einige tolle Konzerte geben konnte, seit Dezember allerdings kein einziges. Das Konzert in Berlin ist mein erstes überhaupt in diesem Jahr.

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Daher geht es mir den Umständen entsprechend. Natürlich mache ich mir, wie viele Menschen, derzeit große Sorgen darüber, was in Europa und darüber hinaus passiert. Die Kultur wird in solchen Situationen immer als letztes genannt. In einer extremen Lage wie jetzt, in der unter anderem Inflation und Krieg herrschen, ist das sogar verständlich für die Mehrheit der Menschen.

Für diejenigen, für die Kultur nicht nur Leidenschaft, sondern ein Beruf ist und Familien davon leben, ist es jedoch sehr anstrengend und auch traurig, dass man immer hintangestellt wird.

Manchmal mache ich mir auch Gedanken, ob wir uns vielleicht zu oft auf die falschen Sachen fokussieren, ob wir uns zu sehr auf Äußerlichkeiten, Geld und Status konzentrieren statt darauf, was uns als Mensch definiert. Nämlich Zuneigung, Empathie, Liebe, Nächstenliebe und Zusammenleben.

Seit Corona fallen mir diese Veränderungen auf und hin und wieder habe ich das Gefühl, dass sich die Menschen sozial immer mehr voneinander entfernen. Werte, die eigentlich grundsätzlich und richtig für das Zusammenleben sind, fallen weg, wenn es uns schlechter geht. Und das bereitet mir Sorgen. Aber ansonsten geht es mir gut.

Klassischer Fado kommt mit vier Instrumenten aus

Telmo Pires bei einem Auftritt 2019 in Polen.
Telmo Pires bei einem Auftritt 2019 in Polen.  © Screenshot Instagram/telmopiresfado

TAG24: Sind alle Musiker, mit denen Sie immer auftreten, bei den Konzerten noch dabei?

Pires: Die Besetzung ist dieselbe, darauf bestehe ich. Mit den Proben haben wir bereits Anfang September angefangen.

TAG24: Was unterscheidet Ihre Art, Fado zu singen, von der anderer Interpreten?

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Pires: In Portugal geht der Fado momentan ganz andere Wege. Das hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter abgezeichnet. Es sind sehr viele technische Einflüsse und neue Instrumente, die mit dem traditionellen Fado nicht viel zu tun haben, hinzugekommen. Dabei geht es vor allem um Rhythmus und Tanzbarkeit.

Der klassische Fado kommt mit vier Instrumenten aus: die Portugiesische Gitarre, klassische Gitarre, ein Kontrabass oder eine Bass-Viola. In dieser Tradition singe auch ich Fado. Mich beeindruckt, wenn Fado-Künstler einfach durch ihre Präsenz, durch die Musik, durch Stimme und Energie das Publikum zum Jubeln bringt.

TAG24: Die Konzerte finden in Berlin und Essen statt, in Berlin zum zweiten Mal im Kammermusiksaal der Philharmonie.

Pires: Was sehr schön ist. Das erste Konzert dort war mehr als ausverkauft. Zum Schluss wurden die Leute sogar hinter der Bühne platziert, was bei Performance-Konzerten eigentlich nicht angeboten wird. Ich bin gespannt, wie es dieses Mal sein wird, und freue mich auf Deutschland.

Anruf von Carlos do Carmo

Der portugiesischen Fado-Sänger Carlos do Carmo (1939-2021) während einer Szene am Set des portugiesischen Films "Fados" des spanischen Regisseurs Carlo Saura.
Der portugiesischen Fado-Sänger Carlos do Carmo (1939-2021) während einer Szene am Set des portugiesischen Films "Fados" des spanischen Regisseurs Carlo Saura.  © HANDOUT / AFP

TAG24: Neben der wohl bedeutendsten Fadista, Amália Rodrigues, verehren Sie besonders auch den Großen des Fado, Carlos do Carmo. Nehmen Sie Stücke von ihm in Ihr Bühnenprogramm auf?

Pires: Auf jeden Fall, und als kleine Hommage vielleicht auch mehr als nur einen Song.

TAG24: Es gibt diese schöne Geschichte, dass er Sie mal angerufen hat ...

Pires: Das war ganz toll! Ich bin ja nicht in Portugal aufgewachsen, sondern in Deutschland, und kenne deshalb die Leute nicht, seit ich 20 Jahre alt war.

2016 hatte ich ein Konzert im Fado-Museum in Lissabon. Vorab hatte ich ihm meine CD geschickt und ihn handschriftlich eingeladen. Ich erklärte, dass ich mich sehr freuen würde, wenn er zum Konzert kommen würde, da ich seine Stimme kannte, seit ich sechs war. Aber warum sollte sich Carlos do Carmo bei mir melden? Er kannte mich nicht.

Irgendwann hatte ich zwei Anrufe auf meinem Telefon, von einer unbekannten Nummer, da gehe ich nie ran. Beim Konzert im Fado-Museum war er natürlich nicht da. Doch nach dem Auftritt kam die Direktorin zu mir in die Garderobe und meinte: 'Telmo, ganz liebe Grüße von Carlos. Er hat versucht, Dich anzurufen, aber Du bist nicht rangegangen.' Ich fragte nur, wer ist Carlos?

Bis mir plötzlich klar wurde, dass sie Carlos do Carmo meinte. Er ließ mir liebe Grüße ausrichten und die Information, dass er eine Hüft-OP hatte und deshalb nicht zum Auftritt kommen konnte. Er hatte immer Interesse, sich junge Fado-Künstler anzuhören.

Ein paar Tage später habe ich ihn angerufen, wir haben sogar ein bisschen Deutsch miteinander gesprochen. Er lebte eine Weile in der Schweiz und sprach daher sehr gut Deutsch. Das war wirklich ein sehr schönes Erlebnis.

Termine und Tickets

Nach fast drei Jahren tritt der Fadista, Poet und Komponist Telmo Pires wieder in Deutschland auf - am 23. September um 20 Uhr im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie sowie am 25. September um 19 Uhr im RWE Pavillon der Philharmonie. Tickets für Berlin gibt es über die Berliner Philharmoniker, für Essen über Kultur in Essen. Außerdem bei allen bekannten Vorverkaufsstellen, Restkarten an der Abendkasse.

Titelfoto: Michael Wudick, Screenshot Instagram/telmopiresfado

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