Hamburg - Als Wolf Biermann (89) am Freitagabend zur Weltpremiere des neuen Films "Biermann" beim Filmfest Hamburg eintraf, führte ihn sein erster Weg direkt zu einer Schar von Fans, die ihm Schallplatten zum Signieren hinhielten. Der deutsche Liedermacher und Lyriker nahm sich Zeit, unterschrieb jede einzelne und wollte danach eigentlich am liebsten gleich ins Kino. Doch zunächst standen noch Fotos an: "Die mache ich aber nur mit meiner Frau!"
Mit Pamela Biermann ist er seit 1989 verheiratet. Sie sei die erste Frau gewesen, mit der er hätte leben können. Sie gehört auch zu den "Partnern in Crime" des Regisseurs Jens Meurer (63), der sich in seinem Film dem Leben des Ausnahmekünstlers nähert.
Dass nun erneut ein Film über ihn Premiere feiert – und dazu noch in seiner Heimatstadt Hamburg, aus der er 1953 mit gerade einmal 16 Jahren freiwillig in die DDR zog –, schien Biermann nur wenig zu beeindrucken.
"Ich dachte: 'Schon wieder ein Film'", so der fast 90-Jährige gegenüber TAG24.
Immer wieder kämen Menschen auf die Idee, Filme über ihn zu machen. "Es gibt eben nicht so viele Athleten, die im Streit der Welt sich einigermaßen tapfer durchgeschlagen haben. Nicht nur zu Hause in der Küche und unter der Bettdecke, sondern öffentlich."
Seit mehr als 60 Jahren bewegt und ärgert Biermann, wie er es selbst nennt, die Menschen mit seinen Liedern und Texten: "Man will ja auch Schläge austeilen. Nicht nur immer kriegen!", betonte er gegenüber TAG24.
Wolf Biermann malt Alligatoah eine Karte zu seinem Grab
Als überzeugter Kommunist, allerdings mit einem, wie er selbst immer wieder betont, sehr kindlichen Bild vom Kommunismus, richtete Biermann seine Kritik zunächst gegen die SED-Führung.
Bereits 1965 belegte die DDR Biermann mit einem Auftritts- und Publikationsverbot. Zum Schweigen brachte ihn das nicht. Im Gegenteil: Je stärker der Staat ihn zensierte, desto bekannter wurde Biermann.
Am 16. November 1976 wurde er nach einem Konzert in Köln aus der DDR ausgebürgert und lebte daraufhin 13 Jahre im Exil. Seine Ausbürgerung löste einen Protest aus, der weit über die Kulturszene hinausreichte.
Oder, wie die "New York Times" im Vorfeld der Premiere über Biermann schrieb: "Es gibt kein Leben, das mehr für die deutsch-deutsche Geschichte steht, als jenes von Wolf Biermann."
Eine Ansicht, die auch Regisseur Jens Meurer teilt. "Jemand hat vor Kurzem gesagt: 'Das ist ja mal ein Deutscher, der Deutschland begreift'." Ein Satz, der Meurer besonders gefiel: "Greifen ist was Analoges im Kopf, und der Film ist ja auch nicht völlig zufällig analog gedreht worden."
Der Film des Golden-Globe-Gewinners ("Carlos – Der Schakal") verbindet noch nie veröffentlichte Archivbilder mit Gesprächen mit Biermann, seiner Familie sowie Künstlern und Politikern, darunter Ex-Bundespräsident Joachim Gauck (86) und Campino (64).
In einer Szene malt Biermann Alligatoah (37) eine Karte, damit dieser später sein Grab auf einem Berliner Friedhof findet. "Ich wundere mich, dass ich immer noch lebe. Das hätte ich nicht gedacht."
Trailer zu "Biermann"
Wolf Biermann nach der Premiere: "Es ist mir alles viel zu nah!"
Meurers Film zeichnet ein Porträt, das einiges an Vorwissen über Biermanns Leben voraussetzt. Einer, der jede Szene davon noch immer im Kopf hat, ist Biermann selbst.
Entsprechend schwerfalle es ihm, über den Film zu urteilen, wie er im Anschluss an die Premiere betonte.
"Es ist mir alles viel zu nah. Ich kenne die Hintergründe, die Nebengründe, habe aber auch die ganzen Illusionen und Irrtümer über mich selbst, die ich auch nicht wegschmeißen kann."
Während er sprach, tigerte er im Kino 1 des CinemaxX Dammtor von einer Seite zur anderen. Im Saal lag eine gebannte, beinahe bedrückte Stille.
Biermann erzählte, wie er einst als Frau verkleidet aus seiner Wohnung in der Berliner Chausseestraße flüchten musste und zuvor versucht hatte, seine Manuskripte zu verbrennen. Es habe nicht geklappt.
"Das habe ich alles in meinem Kopf, und das lenkt mich ab von diesem Film. Deswegen fällt es mir so unheimlich schwer, darüber etwas Vernünftiges zu sagen."
Trotzdem hoffe er, dass der Film etwas tauge und dass ihn gerade junge Menschen sehen, die heute wieder erleben, "wie überall in der Welt die Diktaturen aufblühen und man wieder lernen muss, sich zu wehren gegen Unterdrückung, gegen Ungerechtigkeit, gegen Barbarei, die aber immer neu ist, auf die man auch nicht trainiert ist".
Am Ende fand er dann doch versöhnliche Worte: "Aber das, was ich liefern kann, das zeigt dieser Film schön deutlich."
"Biermann" startet am 29. Oktober 2026 bundesweit in den Kinos. Für Kurzentschlossene läuft der Film am Samstag im Rahmen des Tags des freien Eintritts beim Filmfest Hamburg noch einmal. Kostenlose Tickets gibt es über filmfesthamburg.de.