"Holy Spider": Ex-Soldat lockt Prostituierte in sein Haus, dann erwürgt er sie

Deutschland - Brutal! Ab dem heutigen Donnerstag ist der preisgekrönte internationale Thriller "Holy Spider" in den deutschen Kinos zu sehen, der auf wahren Geschehnissen basiert. Eine hartnäckige Journalistin heftet sich an die Fersen eines Serienkillers - doch es werden ihr Steine in den Weg gelegt. Die TAG24-Filmkritik.

Rahimi (Sahra Amir Ebrahimi, 41) ermittelt auf eigene Faust - und setzt sich großer Gefahr aus.
Rahimi (Sahra Amir Ebrahimi, 41) ermittelt auf eigene Faust - und setzt sich großer Gefahr aus.  © PR/Alamode Film

In der heiligen iranischen Stadt Maschhad häufen sich in letzter Zeit ungeklärte Mordfälle. Die Opfer: meist drogenabhängige Prostituierte, mit ihren Kopftüchern erwürgt und am Straßenrand zurückgelassen. Regelmäßig gehen bei der Zeitung Anrufe des Serienkillers ein, der verkündet, noch lange nicht fertig zu sein - er handele im göttlichen Auftrag.

Die toughe Journalistin Rahimi (Sahra Amir Ebrahimi, 41) reist nach Maschhad, um zu untersuchen, warum die Ermittlungen so zäh vorankommen. Vor Ort stößt sie jedoch auf Widerstand der Polizei und Geistlichen, die glauben, Rahimi wolle ihre Bemühungen kurz vor den Wahlen untergraben.

Tatsächlich hat Rahimi allen Grund zu glauben, dass überhaupt kein Interesse daran besteht, den "Spinnenmörder" zu fassen. Die Einwohner begrüßen sogar, dass die Straßen "vom Dreck gesäubert werden".

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Dieser Verdacht beschleicht auch den so sanft wirkenden Familienvater und Ex-Soldaten Saeed (Mehdi Bajestani, 47). Und so setzt er sein Doppelleben als Spinnenmörder fort. Seine nächtlichen Morde werden immer brutaler und achtloser. Bis Rahimi genug hat und nun selbst die Jagd auf ihn eröffnet ...

Deutscher Trailer zu "Holy Spider" von Regisseur Ali Abbasi

"Holy Spider" mit Sahra Amir Ebrahimi ist fesselnd und großartig gespielt

Saeed (Mehdi Bajestani, 47, l.) spricht mit seinem halbwüchsigen Sohn Ali (Mesbah Taleb).
Saeed (Mehdi Bajestani, 47, l.) spricht mit seinem halbwüchsigen Sohn Ali (Mesbah Taleb).  © PR/Alamode Film

In einer der ersten Szenen wird eine Frau mit bloßen Händen zu Tode gewürgt - "Holy Spider" ist nichts für schwache Nerven. Die Angst der Frauen, ihre Armut und die Gefahr, der sie sich täglich fürs Überleben aussetzen müssen, sind praktisch greifbar.

Davon bleibt auch Rahimi nicht verschont, als sie in einem Zimmer von einem Polizisten bedrängt wird und nicht einmal um Hilfe schreien kann, weil sie unverheiratet ist. Die Unterscheidung zwischen "anständig" und "sittenlos" basiert vor allem darauf, ob eine Frau Make-up trägt. So schnell unterschreibt sie in Saeeds Augen bereits ihr eigenes Todesurteil.

Regisseur und Co-Drehbuchautor Ali Abbasi zeigt in kühlen, beklemmenden Bildern, wie ein Rechtssystem versagt, und wartet mit einer tollen Besetzung auf. Vor allem Sahra Amir Ebrahimi glänzt als entschlossene Amateur-Ermittlerin, die in ihrer Frustration immer wieder Risiken eingeht und ausdrucksstark ihre Ängste kommuniziert.

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Mindestens genauso fesselnd ist Mehdi Bajestani als ihr Gegenspieler, ein erfahrener Theaterschauspieler, der sowohl als liebevoller Familienmensch als auch als Fanatiker überzeugt. Rasch gewinnt er die Sympathien seiner Mitbürger und verwandelt die Stadt in gefährliches Terrain für alle Frauen - bezeichnet die "heilige Spinne" am Ende nicht wirklich subtil auch Maschhad mit seinem auffälligen Straßennetz?

So wird die Spannung in eine unerwartete Richtung gelenkt und der Film lässt einen bis zum erschreckenden Ende durchgängig mitfiebern.

Obwohl viele Szenen im Dunkeln spielen, wartet "Holy Spider" stellenweise auch mit Ästhetik auf.
Obwohl viele Szenen im Dunkeln spielen, wartet "Holy Spider" stellenweise auch mit Ästhetik auf.  © PR/Alamode Film

Die Hauptdarstellerin in "Holy Spider" erhielt angeblich Hunderte Todesdrohungen

Rahimi und ihr Kollege (Arash Ashtiani, 2.v.l.) stoßen bei den Behörden und Geistlichen auf Widerstand.
Rahimi und ihr Kollege (Arash Ashtiani, 2.v.l.) stoßen bei den Behörden und Geistlichen auf Widerstand.  © PR/Alamode Film

"Holy Spider" basiert auf wahren Geschehnissen. Es wäre jedoch nachteilig, den Thriller allein danach zu beurteilen. Im Vordergrund stehen weniger typische Spannungsmomente oder moralische Zwischentöne als vielmehr die Abbildung eines gesellschaftlichen Phänomens, das tödlichen Frauenhass begünstigt. "Meine Absicht war es, der iranischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten", sagte Abbasi, der vor rund 20 Jahren den echten Fall und die Presseberichte im Land mitverfolgte.

Dieses ehrgeizige internationale Projekt war natürlich mit vielen Risiken verbunden. Die Produktion wurde durch Corona und politische Kontroversen erschwert, ist in mehreren Ländern gescheitert und fand schlussendlich in Jordanien statt.

Sogar die Hauptdarstellerin sprang eine Woche vor Drehbeginn ab und Casting Director Amir Ebrahimi dafür ein, die selbst durch einen Sextape-Skandal nicht mehr als Schauspielerin im Iran arbeiten durfte. Durch ihr Mitwirken erhielt sie inzwischen nach eigenen Angaben Hunderte Todesdrohungen.

Herausgekommen ist dennoch ein hochaktuelles Glanzstück, das in Cannes für stehende Ovationen sorgte. Wie Sahra Amir Ebrahimi es in ihrer Dankesrede für die Goldene Palme als beste Darstellerin ausdrückte: "Dies ist ein Film über Frauen. Über ihre Körper. Über Hass auf Frauen. Über Hände, Füße, Brüste, Sex - alles, was man im Iran unmöglich zeigen darf." Absolut sehenswertes Kino.

Titelfoto: PR/Alamode Film

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