Von Rio Reiser bis RapK: Dokufilm "Scherbenland" sucht den Geist der Revolte in Kreuzberg

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Berlin - Der Dokumentarfilm "Scherbenland" von Lutz Pehnert und Ferdinand Hübner will viel: Er spannt den Bogen von der radikalen Gegenkultur der 1970er-Jahre bis ins durchgentrifizierte Kreuzberg, von Ton Steine Scherben und Rio Reiser bis zum erfolgreichen Rap-Trio RapK. Drei Generationen, eine große Frage: Was ist vom rebellischen Geist geblieben?

Victor, Tariq und Gustav wuchsen zusammen in Kreuzberg auf.
Victor, Tariq und Gustav wuchsen zusammen in Kreuzberg auf.  © Salzgeber

Formal setzt "Scherbenland" auf Nähe statt Einordnung. Es gibt keinen eigenen Off-Kommentar, keine klare Führung. Auf der einen Seite gibt es Archivaufnahmen von Hausbesetzungen und Straßenschlachten. Rio Reiser schmettert seine Kampfparole: "Macht kaputt, was euch kaputtmacht."

Dagegen stehen die Geschichten von RapK: Alltag zwischen der Kotti-Polizeiwache und kiffen auf der Bank, steigenden Mieten, Verdrängung und kultureller Selbstbehauptung.

"1. Mai und die Sonne scheint auf Kreuzberg/Irgendwo da draußen warten uns're Jungs", singt das Kreuzberger Trio, das am Maifeiertag jährlich ein Solikonzert für den Kiez organisiert. Seit 2024 findet es am Rio-Reiser-Platz statt.

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Dass Victor, Tariq und Gustav "Gussi" im Zentrum stehen, ist nachvollziehbar. Ihre Texte greifen soziale Missstände auf, knüpfen lose an die politische Tradition der Scherben an, verbinden so Vergangenheit und Gegenwart.

Die Frage, ob der rebellische Geist von damals noch existiert und was das "Scherbenland" zusammenhält, wird nicht entschieden, sie bleibt im Raum hängen. "Ich weiß nicht, ob so revolutionäre Sachen gerade funktionieren", erzählt Tariq und ergänzt: "Die junge Generation hat eher Lust, Konsumtracks auf TikTok zu hören."

Und da ist da noch Maike Rosa Vogel (48), die vor rund 20 Jahren nach SO36 zog. Die Singer-Songwriterin verbindet symbolisch die Ära von Ton Steine Scherben mit RapK. Heute arbeitet Vogel in einem Secondhandladen und nicht mehr als Musikerin.

Rio Reiser als historischer Marker

Rio Reiser (1950–1996) war Frontmann der Anarchoband "Ton Steine Scherben". (Archivfoto)
Rio Reiser (1950–1996) war Frontmann der Anarchoband "Ton Steine Scherben". (Archivfoto)  © Salzgeber

Über weite Strecken wirkt "Scherbenland" wie ein sehr wohlwollendes Porträt der Rap-Crew. Rio Reiser fungiert in erster Linie als Projektionsfläche, als historischer Marker, vielleicht auch als Zugpferd für das Publikum.

Mit über 100 Minuten Laufzeit hat "Scherbenland" spürbare Längen. Szenen wirken oft lose montiert. Erst im letzten Drittel gewinnt er an Dichte, greifen Motive stärker ineinander, wenn zum Beispiel Victors Vater zu Wort kommt.

Die Familie des Rappers wohnt schon seit seinen Kindertagen in der Muskauer Straße in Kreuzberg. Die Gegend war lange ein Arbeiter- und Handwerkerviertel.

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Nun flatterte eine Eigenbedarfskündigung ins Haus. "Sollte ich den Prozess verlieren, lasse ich mich von der Polizei heruntertragen", zeigt sich der weißhaarige Mann kämpferisch und grinst breit: "Und dann gibt's eine Party auf der Straße!"

Trotz aller Kritik entwickelt "Scherbenland" eine eigentümliche Qualität. Gerade weil der Film sich verweigert, weil er keine einfachen Antworten liefert, entsteht Raum für eigene Gedanken.

Die Doku läuft seit dem 30. April deutschlandweit in ausgewählten Kinos.

Titelfoto: Salzgeber (Bildmontage)

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