Wim Wenders im Kreuzfeuer: "Ein nacktes 13-jähriges Kind ist nie ok!"

Berlin - Minutenlanger Applaus, stehende Ovationen, Ehrenpreis für das Lebenswerk. Eigentlich hätte es Wim Wenders' (80) großer Abend werden sollen. Stattdessen sorgt ausgerechnet seine Dankesrede beim Deutschen Filmpreis für einen handfesten Eklat. Fast zehn Minuten sprach der Regisseur über sein Werk, die Zukunft des Kinos und schließlich über den Streit mit Nastassja Kinski (65).

Wim Wenders (80) sorgte mit seiner Dankesrede beim Deutschen Filmpreis für einen Eklat.  © Christoph Soeder/dpa

Die Schauspielerin kämpft seit Jahren dafür, dass eine Szene aus Wenders' Film "Falsche Bewegung" von 1975 nicht länger gezeigt wird. Darin spielt die damals erst 13-Jährige die stumme Mignon.

In einer der umstrittensten Szenen des Films entblößt das Mädchen vor einem erwachsenen Mann ihren Oberkörper und wird geschlagen.

Kinski erklärte dazu zuletzt in der "Süddeutschen Zeitung": "Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war." Über Wenders sagte sie: "Er hat mich nicht beschützt."

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Die Szene habe sie "mein Leben lang begleitet". Seit rund 15 Jahren versuche sie vergeblich, mit dem Regisseur darüber ins Gespräch zu kommen.

Wenders räumte beim Filmpreis zwar ein: "Das würde ich heute nie mehr so machen." Gleichzeitig machte er aber deutlich, dass er die Szene nicht nachträglich aus dem Film entfernen will. In seiner Rede warnte er vor einem "Präzedenzfall" und stellte die Frage, ob Kunstwerke Jahrzehnte später verändert werden sollten.

Er sprach davon, sich mit der Frage "allein" zu fühlen und bat die Branche um Diskussion.

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Schauspieler kritisieren Wim Wenders

Nastassja Kinski (65) kämpft seit Jahren dafür, dass eine Szene aus Wenders' Film "Falsche Bewegung" nicht mehr gezeigt wird. (Archivbild)  © IMAGO / APP-Photo

Genau diese Argumentation bringt nun zahlreiche Schauspieler gegen ihn auf.

Karoline Herfurth (42) schrieb: "Ein nacktes 13-jähriges Kind in einem Film ist nie und war auch schon vor 50 Jahren nicht ok. Punkt."

Wenders hätte stattdessen sagen können: "Ich habe es verpasst, ein 13-jähriges Kind zu schützen."

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Maria Ehrich (33) stellte sich öffentlich hinter die Kritik und kommentierte den offenen Brief von Schauspieler Julius Feldmeier (39): "Du hast so tolle Worte gefunden – danke!"

Feldmeier selbst wurde noch deutlicher. An Wenders gerichtet schrieb er: "Du bist kein Gott." Und weiter: "Die Verantwortung liegt bei dir." Kinski sei "13 und schon damals zu jung für das, was ihr gemacht habt".

Auch Clemens Schick (54) widersprach dem Ehrenpreisträger öffentlich.

Die aktuelle Debatte sei "sicherlich schmerzhaft", schrieb er. "Aber nicht so schmerzhaft wie das, was ein ungeschütztes 13-jähriges Kind aushalten musste."

Kommentar zum Fall Wim Wenders: Verpasste Größe

TAG24-Redakteurin Lena Plischke findet, dass es sich Wim Wenders im Fall Nastassja Kinski etwas zu einfach macht.  © Kristin Schmidt

Wim Wenders hat ein Problem. Und das ist nicht Nastassja Kinski. Natürlich hat er recht, wenn er vor einem Präzedenzfall warnt.

Wenn Filme Jahrzehnte später verändert werden, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wer entscheidet künftig, was bleiben darf und was verschwinden muss? Das ist eine berechtigte Debatte.

Nur wirkt es im Moment so, als würde Wenders genau diese Debatte benutzen, um einer anderen auszuweichen. Denn hier geht es nicht zuerst um Kunstfreiheit. Nicht um Filmgeschichte. Nicht um Zensur.

Es geht um ein 13-jähriges Mädchen. Ein Kind, das für einen Film oben ohne vor der Kamera stand, in einer Szene mit Gewalt. Ein Kind, das heute sagt: Das war nicht in Ordnung. Es hat mich mein Leben lang begleitet.

Und was macht Wenders? Er spricht über Präzedenzfälle. Das ist sein gutes Recht. Aber es ist auch erstaunlich bequem. Denn die Frage, die viele hören wollen, ist viel einfacher: Würde er heute Verantwortung übernehmen für das, was damals passiert ist?

"Ich würde das heute nicht mehr machen" klingt zunächst einsichtig. Tatsächlich ist der Satz aber erstaunlich geschickt. Er beschreibt einen Fehler – ohne ihn wirklich als eigenen Fehler anzuerkennen. Dabei hätte Wenders an diesem Abend etwas viel Größeres tun können. Er hätte sagen können: Ja, ich habe versagt. Ich hätte dieses Kind schützen müssen.

Stattdessen entsteht der Eindruck, dass er vor allem dann über die Sache sprechen möchte, wenn es um Kunst geht – nicht, wenn es um die Betroffene geht.

Genau deshalb wächst der Unmut in der Branche.

Denn Nastassja Kinski fordert nicht die Umschreibung der Filmgeschichte. Sie fordert, gehört zu werden.

Und wer seit Jahren einen Dialog sucht, während die andere Seite lieber über Grundsatzfragen diskutiert, darf irgendwann die Geduld verlieren.

Wim Wenders bleibt einer der größten Regisseure Deutschlands. Aber Größe zeigt sich nicht darin, niemals Fehler gemacht zu haben.

Sondern darin, sie einzugestehen.

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