Berlin - Mit "Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich" gelang Max Raabe (63) mit seinem Palast Orchester 1992 der Durchbruch. Längst ist der Wahlberliner nicht nur für getreue Interpretationen von Lieder aus den 20er und 30er Jahre bekannt. Mit seinem Programm "Hummel streicheln" feierte der Meister der distinguierten Nicht-Dynamik am Dienstag Premiere im Berliner Admiralspalast.
Noch bevor um vier Minuten nach Acht im Admiralspalast das Licht ausging, ertönte die Lautsprecheransage: "Wir wünschen ihnen einen unterhaltsamen Abend. Bitte vergessen sie nicht, ihre Mobiltelefone nach dem Konzert wieder anzuschalten."
Ein Gnickern ging durch die Reihen. Der Ton war gesetzt. Es ging passend zu Raabes aktuellen Kompositionen um Entschleunigung - oder wie der 63-Jährige später sagte: um "Liebe, Leidenschaft und Topfpflanzen". Da wurden die großen Dinge im Kleinen verhandelt - und umgekehrt.
Dann stand Raabe da: kerzengerade, vor seinem geschwungenen Nostalgiemikrofon und eröffnete den Abend mit "Noch mal von vorn".
Zwölf Musiker standen hinter ihm vor ausverkauftem Haus auf weiß beleuchteten Podesten, seit 1986 musizieren sie gemeinsam. Man merkt es: Das ist kein Begleitorchester, das ist seit drei Jahrzehnten eine eingeschworene Einheit. Nach tragischen Todesfällen fügten sich neue Mitglieder nahtlos in das Ensemble ein.
Musikalisch bewegte sich der Abend zwischen Klassikern der 20er- und 30er-Jahre " ("Bei mir bist du schön", "Ich brech' die Herzen der stolzesten Frauen", ..). und neueren Stücken im typischen "Raabe-Pop". Seit 2011 arbeitet er mit Annette Humpe (75, "Blaue Augen)" über mehrere Alben hinweg zusammen.
Max Raabe und Palast Orchester spielen in Berlin gemeinsame Lieder mit Rosenstolz-Gründer Peter Plate
Unter anderem "Ein Tag wie Gold" (geschrieben für die Serie "Babylon Berlin") brachte der studierte Opernsänger zu Gehör. Auch Fans der Team-Arbeiten mit Rosenstolz-Gründer Peter Plate (58) von "Wer hat hier schlechte Laune" (2022) kamen nicht zu kurz ("Der perfekte Moment", "Ans Herz gehen", ...).
Die Arrangements blieben gewohnt nostalgisch instrumentiert, klangen aber erstaunlich zeitgemäß.
Jeder bekam sein Solo, die Bläser sprangen auf, reihten sich wie Orgelpfeifen auf, brachten feinen Slapstick ein, wenn beispielsweise Trompeten unter Wasser gespielt wurde ("In meiner Badewanne bin ich Kapitän"). All das geschah mit viel Spielfreude und diszipliniert.
Fast noch wichtiger als die Musik waren Raabes einstudierte Ansagen. Trocken erzählte er von Lurcharten, die sich selbst fortpflanzen. Das wolle man sich nicht vorstellen, aber sie seien im wahrsten Sinne des Wortes ein Selfie. Oder er sinnierte darüber, wie Hühner die Vorfahren des Tyrannosaurus Rex seien, was bei einer "umgekehrten Mutation" für Frust beim Eierklau sorgen würde.
In "Vivere" gehe es um Leben. Das sei, scherzte Raabe, "der Zustand, der eintritt, wenn das WLAN ausfällt". Das Thema Digitales zog sich wie ein roter Pfaden durch das Programm.
Als am Ende "Mein kleiner grüner Kaktus" erklang, lockerte selbst das sonst so disziplinierte Berliner Publikum auf. Es wurde mitgeklatscht, geschmunzelt, gefeiert - und geschunkelt wie beim Musikantenstadl. Es folgten Standing Ovations des gesetzten und sitzenden Publikums sowie drei Zugaben.
Auf "Kein Schwein ruft mich an", was Raabes "Katzenklo" ist, wurde Gott sei Dank verzichtet.Glück hat, wer noch ein Ticket ergatterte. Viele Abende sind längst ausverkauft.