Dresden - Der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch (65) zählt durch die ZDF-Formate "Terra X" zu den bekanntesten Wissenschaftserklärern im Land. Zudem bespielt er mit dem Merlin Ensemble Wien und dem Programm "Harald Lesch und Die Vier Jahreszeiten im Klimawandel" deutsche Bühnen (am Sonntag im Kulturpalast). Darin erzählt Lesch, begleitet von Vivaldis "Vier Jahreszeiten", wie die Erde entstand und sich das Klima seitdem verändert. TAG24 sprach mit Harald Lesch über aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen im Umgang mit dem Klimawandel.
TAG24: Herr Lesch, Sie sind Astrophysiker, sprechen aber öffentlich zumeist über Klimaforschung und Klimawandel. Warum ist dieses Thema so relevant für Sie?
Harald Lesch: Ich kam dazu durch einen frühen Traum von mir: Ursprünglich wollte ich mal Astronaut werden und habe mich gefragt, ob wir alleine sind im Universum. Das führte zur Frage, welche Bedingungen auf anderen Planeten bestehen müssten, damit dort Leben existiert. Wenn man so will, haben mich die Außerirdischen zur Beschäftigung damit gebracht, wie das Klima zustande kommt.
Ganz klar ist: Das Klima bestimmt alle Lebensbedingungen, für alle Lebewesen. Daher ist es das wichtigste Thema, das es für uns alle gibt. Und es ist keine Glaubensfrage: Dass beispielsweise CO₂ nicht einfach aus der Atmosphäre verschwindet, ist ja eine physikalische Tatsache.
TAG24: Nun haben wir einen eher kühlen Sommer erlebt und einen recht strengen Winter. Da mehren sich Stimmen, die Warnungen vor globaler Erderwärmung als Gerede abtun. Was entgegnen Sie dem?
Lesch: Da muss ich Sie gleich mal korrigieren: Der Sommer hat sich vielleicht durchwachsen angefühlt, und trotzdem war es das drittwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Und: Die letzten zehn Winter waren meist schneefrei, dieser war mal wieder halbwegs normal, aber trotzdem zu trocken. Wir können uns das alles schönreden, aber übers Klima reden wir wohl erst, wenn unser Haus weggeschwemmt ist.
Harald Lesch: "Mit der Natur kann man nicht verhandeln"
TAG24: Sie sagten mal, es ärgere Sie, dass das Thema Klimawandel in der Gesellschaft falsch diskutiert werde. Welche Fehler sehen Sie?
Lesch: Dass das Anerkennen von Fakten gerade in der Politik nicht mehr geleistet wird. Aber es zählen eben nicht Meinungen, sondern Messungen. Im März kommt ein Büchlein von mir heraus, das heißt "Natur ist kein Parteimitglied". Das drückt in einem Satz aus, was ich kritisiere.
TAG24: In Deutschland ist das Thema während der Ampelkoalition zusammengeschnurrt auf das Gezerre ums sogenannte Heizungsgesetz. In der Folge ist von Klimapolitik keine wesentliche Rede mehr. Wurde da eine große Chance verspielt, die Gesellschaft mitzunehmen?
Lesch: Na klar! Wir haben einerseits die Klimapolitik und andererseits die Klimapraxis. Und deren Bilanz ist viel positiver. In Bayern zum Beispiel werden 60 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen gewonnen. Die machen aber keine Werbung damit, weil sie lieber gegen die Grünen wettern. Erneuerbare boomen auf der ganzen Welt, nur die deutsche Politik nimmt es nicht wahr. Lieber will man neue Gaskraftwerke bauen. Ich bin erschüttert, an welche Wunderwaffen man glaubt. Im Osten etwa war die Solarindustrie mal so stark, jetzt ist sie verschwunden. Das regt mich auf. Denn: Mit der Natur kann man nicht verhandeln.
TAG24: Muss man der Bevölkerung erklären, dass es ohne Zumutungen nicht geht?
Lesch: Wenn wir uns nichts zumuten, wird es die Natur irgendwann tun. Da helfen keine steuerlichen Anreize, denn für die Natur spielt Geld keine Rolle. Warum wird der Klimaschutz politisch verhindert? Das ist doch - verzeihen Sie den Ausdruck - gequirlte Kacke. Man kann Sachfragen nicht politisch beantworten. Klar kann man fordern, dass die Sonne nicht mehr im Osten, sondern im Westen aufgehen soll. Die lacht sich darüber aber kaputt. Viel wichtiger wäre, längst beschlossene Gesetze endlich mal umzusetzen. Nicht Politik, die Wissenschaft schafft uns den Zugang zu Problemlösungen.
TAG24: In diesem Zusammenhang werben Sie seit Langem auch für die Stärkung von Wissenschaftskommunikation. Hat deren Reputation gelitten, als spätestens während der Corona-Pandemie die Glaubwürdigkeit von Stimmen aus der Wissenschaft angezweifelt wurde?
Lesch: In der Pandemie hat die Gesellschaft erstmals in Echtzeit miterlebt, wie Wissenschaft funktioniert: Mit jeder These einen Schritt vor und mit der nächsten einen zurück. Statt dieser gängigen, tastenden Forschungspraxis zu vertrauen, hat sich in einigen Gruppen eine Wissenschaftsskepsis entwickelt. Vieles davon findet sich immer noch in Bubbles im Internet, und das vergisst ja leider nichts. Grundsätzlich bin ich aber überzeugt, dass man in Deutschland und Europa der Wissenschaft vertraut.
"Harald Lesch und Die Vier Jahreszeiten im Klimawandel", am 8. März im Kulturpalast Dresden
TAG24: Sie wenden sich in Ihren Sendungen und mit dem Vivaldi-Programm ja eher an ein nicht akademisches Publikum. Wie einfach muss die Ansprache sein, wenn die Sachverhalte sehr komplex sind?
Lesch: Ich versuche, alle so zu behandeln, wie man Erwachsene behandelt. Wir fangen damit an, zu erzählen, wie die Erde entstand. Und anhand der Jahreszeiten erkläre ich, wie sich das Klima verändert. Es ist eine humorvolle Auseinandersetzung mit dem Thema. Schließlich bin ich nicht pessimistisch, sondern davon überzeugt: Wir kriegen das hin! Das soll deutlich werden.
TAG24: Was prädestiniert Vivaldis Musik für das Thema?
Lesch: Damit habe ich nichts zu tun. Martin Walch und das Merlin Ensemble hatten das alles schon fertig, bevor sie mich anfragten. Vivaldis Musik ist natürlich wunderbar, es funktioniert. Wir haben das Programm bereits über 50-mal gegeben und werden dabei hoffentlich immer besser.
TAG24: Was soll das Publikum mit nach Hause nehmen?
Lesch: Zuversicht! Und die Erkenntnis, dass es ein ernstes Problem ist, so wie eine Diagnose vom Arzt. Aber wir können etwas dagegen tun, wir können auch sofort damit anfangen. Optimismus ist Pflicht, Resignation können wir uns nicht leisten.
"Harald Lesch und die Vier Jahreszeiten im Klimawandel", am 8. März im Kulturpalast, Tickets: 56,90 bis 89,90 Euro.