Helge Schneider im TAG24-Interview: "Die Karl-May-Diskussion ist blöd"

Dresden - Komiker, Musik-Clown, Multiintrumentalist: Helge Schneider (66) steht für Jazz und absurde Witze. Erstmals seit Corona ist der Entertainer wieder auf Tournee, hat sie umbenannt von "Die Wiederkehr des blaugrünen Smaragdkäfers" in "Ein Mann und seine Gitarre". In einer Tourpause griff er für uns zum Telefon. "In der Hängematte", wie er betont.

Für seine aktuelle Tournee hat sich Helge Schneider (66) einen braunen Cordanzug als Bühnenoutfit ausgesucht.
Für seine aktuelle Tournee hat sich Helge Schneider (66) einen braunen Cordanzug als Bühnenoutfit ausgesucht.  © Matthias Wehnert/imago

TAG24: Herr Schneider, wir erwischen Sie inmitten Ihrer aktuellen, wieder normalen Tournee. Wie geht’s Ihnen?

Helge Schneider: Mir geht’s gut. Das liegt an der Logistik, wir haben nicht wie sonst geplant, sondern sind mit kleiner Crew unterwegs. Total flexibel, wir können immer schnell irgendwohin. Sonst wollte ich nicht so viel Auto fahren, jetzt bin ich noch nie so viel Auto gefahren wie in den letzten zwei Jahren. 10.000 Kilometer mehr auf dem Tacho.

TAG24: Fühlt sich alles wieder so an wie vor der Pandemie?

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Helge Schneider: Durch die längere Abstinenz hat man sich zurückgenommen, ist einen anderen Weg gegangen. Ich hab nicht das Gefühl, dass es ein Loch war, denn die Zeit rast ja. Neulich sind wir in Görlitz aufgetreten, das fühlte sich an wie vor einem Jahr. Und jetzt in der Garde, da denke ich: War doch erst gestern. Ich bin auftretender Künstler, davon lebe ich. Nun musste man auch mal eine kreative Pause machen und sich rückbesinnen, wie man angefangen hat. Das macht unglaublich Spaß. Ich bringe ja die Leute zum Lachen, obwohl alles scheiße ist.

TAG24: Auf dem Konzertplakat steht "Internationaler Superstar sucht Arbeit". Ist das ein Gag oder eine schneidereske Kritik am Umgang mit Künstlern in der Krise?

Helge Schneider: Das ist eine Spiegelung der Zeit. Ich hab mir nix dabei gedacht, andere interpretieren da was rein. Als Wahrnehmung stimmt es wohl, plötzlich hatte alles mit Angst zu tun. Es wurde nicht nur die Kleinkunst reglementiert, dazu kam noch die Selbstreglementierung durch die Häuser. Aber es ist gefährlich, die Kultur auszuklammern.

TAG24: Sie hatten ja versucht, trotz Corona-Auflagen zu spielen, mit bekanntermaßen zweifelhaftem Ergebnis - Auftritte vor Publikum in Strandkörben, die Sie abbrachen. Eine Phase, in der auch Sie als "alter Hase" noch etwas gelernt haben?

Helge Schneider: Das ist ja ausgeufert, dieser Scheiß, der an die Leute rangetragen wurde. Es war ungemütlich! Vor zehn Jahren dachte ich noch: Ist ja immer voll, wär ja schön, wenn nur ein Drittel kommt. Dann war das auf einmal so. Darunter leide ich nicht. Weil das, was ich mache, ist ja gewinnbringend. Lachen ist die beste Medizin. Darum spielen wir auch unter Bedingungen, die andere nicht wollen.

TAG24: Durch Ihre Kritik an den Auflagen haben Sie Beifall von Querdenkern und ähnlichen bekommen. Wie sehr hat Sie das gewurmt?

Helge Schneider: Ich geb da nix drauf. Ich bin gewohnt, dass man mich lobt und mal nicht lobt. Die Info war ja auch falsch, dass ich was gegen die Auflagen hätte. Es hatte nur keiner aufgepasst, es war unruhig und unwirklich. Da bin ich mir zu schade für. Ich hatte aber nix gegen die Idee an sich. Man musste solche Experimente machen, als Ablenkung für die Leute von dem, was ihnen verschlossen wurde.

TAG24: Was hatten Sie in der Pandemiezeit sonst so getrieben, ohne "normale" Konzerte? Sie sind sonst ja quasi jährlich auf Tour. Brauchen Sie die Arbeit?

Helge Schneider: Das ist ja mein Leben. Ich mache so 75 Auftritte im Jahr, was wenig scheint. Dann habe ich noch 290 Tage für mich, kann eine Schallplatte aufnehmen oder mit den Kindern Urlaub machen. Was an Corona nervte, war die Unverlässlichkeit. Aber ich war nie systemrelevant, also beschwere ich mich nicht.

Helge Schneider kann auch Instagram

"Wenn ich Musik mache, ist die für alle da!"

Helge Schneider auf Tour: für viele Fans ein Genuss.
Helge Schneider auf Tour: für viele Fans ein Genuss.  © Fabian Sommer/dpa
Multiinstrumentalist Helge Schneider haut in die Tasten.
Multiinstrumentalist Helge Schneider haut in die Tasten.  © Bernd Thissen/dpa

TAG24: Die Konzerte 2022 sind Nachholtermine. Das sei gar nicht einfach, schreiben Sie. Warum?

Helge Schneider: Vor drei Jahren waren wir eine andere Band. Jetzt ist es ein ganz anderes Konzert. Ich ändere ja dauernd was. Uns hilft die kleine Crew. Je kleiner die Besetzung, desto lustiger. Jetzt spielt Sandro Giampetro Gitarre, neben mir Sergeij Gleitmann, der Tänzer. Nur mein Sohn, Charlie "The Flash" am Schlagzeug, ist nicht mehr dabei. Der ist ja noch klein und muss wieder zur Schule.

TAG24: Auf dem Konzertplakat posieren Sie als "Rentner in Braun". Haben sich eigentlich schon Rentner über Diskriminierung beschwert?

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Helge Schneider: Im Gegenteil. Ich habe ja Jung und Alt im Publikum. Viele von denen sind auch ganz alt.

TAG24: Ich frage, weil ja derzeit hitzig um kulturelle Aneignung gestritten wird. Viele fühlen sich beleidigt, vieles soll weg....

Helge Schneider: Wie bei diesem Winnetou-Kinderbuch gerade? Oder den Reggae-Musikern in der Schweiz? Woher weiß man denn, wer da beleidigt ist? Da steht bestimmt ein Geheimdienst dahinter. Gruppen sehen sich als Vormund für andere Gruppen, aber es ist doch anmaßend, über jemanden zu urteilen, der die Musik liebt. Ich spiele weiter Jazz, da muss man drüberstehen und eisern bleiben. Wenn ich Musik mache, ist die für alle da! Selbst wenn ich afrikanische Trommel spielen würde, wäre das nichts Negatives. Das ist Kultur. Wenn sich Bob Marley beschweren würde, könnte ich das verstehen. Ansonsten ist diese Diskussion blöd. Karl May ist auch Kultur. Aus allem kann man lernen. Selbst, wenn es falsch ist.

TAG24: Sie spielen regelmäßig in Dresden und der Umgebung. Was schätzen Sie hier?

Helge Schneider: Dass es besonders weit weg ist von zu Hause (lacht). Nein, ob Dresden, Chemnitz, Görlitz: Man trifft immer auf freundliche Leute, die offen sind und viel lachen. Ich bin gerne da.

Am Sonntag spielt Schneider in der Jungen Garde (Resttickets ab 47,50 Euro).

Titelfoto: Fabian Sommer/dpa

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