Hamburg - Auf einer Rundbühne, die optisch an einen Plattenspieler erinnerte, mitten in der ausverkauften Hamburger Barclays Arena hat Herbert Grönemeyer (69) am Dienstagabend ganz im Taylor-Swift-Stil rund drei Stunden alles gegeben, was in ihm steckt. Und das ist eine ganze Menge! Dies bewies der Vollblut-Musiker auch nach 40 Jahren im Business mit einer solch ansteckenden Freude, dass weder er noch das Publikum ein Ende finden wollten.
Das Konzert war Teil seiner "mittendrin – akustisch"-Tour, die bereits 2025 begonnen hat. Begleitet von seiner Band, einem Kammerorchester und dem Berliner Chor "Grenzenlos" spielte Grönemeyer einen bunten Strauß Lieder aus seiner langjährigen Erfolgskarriere.
Zu Beginn kündigte er an, dass dieses Konzert "feiner, leiser, zarter" werden würde – nur um dann direkt mit einer Energie zu starten, die ihn vor lauter Begeisterung sogar den Mittelteil seines Liedes "Das ist los" vergessen ließ.
"Ich bin nicht so textsicher, aber Hauptsache Spaß", scherzte er. Und den hatte er sichtlich. Dabei flitzte er über die Bühne, als würde er am 12. April nicht 70, sondern 30 Jahre alt werden. Immer wieder forderte er das Publikum auf, mitzumachen, zu tanzen und mitzusingen.
Und damit nicht genug: Dabbing, Hüftschwung und ein leicht laszives Rutschen seines Hemdes von der Schulter gehörten ebenso zur Show wie seine ungebrochene Stimmgewalt. Bei "Herzhaft" brachte er dem Publikum begeistert einen von ihm erfundenen Tanz bei: den Schulterwalzer.
Bei "Alkohol" gab es kein Halten mehr
Passend zu seinem Hit "Alkohol" gab es für Grönemeyer dann kein Halten mehr – er ging mitten ins Publikum. Er zerzauste Haare, verteilte Umarmungen, fast schon feste Drücker, und war wirklich "mittendrin". Im Gegenzug ließ das Publikum ihn von Sekunde eins an spüren, dass er noch lange nicht vergessen ist. Es wurde geklatscht, getanzt und natürlich lautstark sowie textsicher mitgesungen.
Immer wieder schüttelte Grönemeyer über die teils ekstatische Reaktionen seiner Hamburger Fans ungläubig den Kopf: "Wir haben ja schon einiges erlebt auf dieser Tour, doch das hatten wir noch nie. Ihr seid doch irre, und das an einem Dienstag".
Herbert Grönemeyer: "Wir verteidigen unsere Demokratie"
Doch es gab auch ernstere Töne, und das nicht nur am Klavier zu "Der Weg". Vor den Liedern "Fall der Fälle" und "Doppelherz" sprach der 69-Jährige die politische Lage in Deutschland an. Er betonte, dass 25 Prozent der Deutschen einen Migrationshintergrund hätten – so wie auch seine Mutter – und dass niemand ein Mensch zweiter Klasse sei.
"Wir verteidigen unsere Demokratie. Dafür haben wir sie erfunden, damit wir uns gegenseitig klarmachen: Wir halten zusammen, egal wie wackelig die Zeiten werden, egal wie viel gehetzt wird. Wir grenzen uns klar ab und beziehen Haltung", betonte Grönemeyer.
Nach insgesamt drei Zugabenblöcken – unter anderem mit seinen Hits "Was soll das?" und "Halt mich" – wurde es im Finale dann doch noch einmal "feiner, leiser, zarter". Allein mit dem Orchester sang Grönemeyer das Lied "Neuer Tag" von seinem Album "Mensch". Es sei das einzige Lied, bei dem zuerst der Text da gewesen sei, erklärte er. Sonst habe er meist ganze Alben voller Musik und müsse sich die Texte danach erst überlegen.
Gefühlt wollte Herbert Grönemeyer gar nicht gehen – und das Publikum auch nicht. Stampfend forderten sie immer mehr. "Hier schwappt so eine Herzenswärme rüber", freute sich der Musiker, der noch bis Ende Februar durch Deutschland, die Schweiz und Österreich tourt. Viele der Konzerte, darunter auch das Nächste in Mannheim, sind bereits ausverkauft. Resttickets sind unter eventim.de erhältlich.