Von Andreas Rabenstein
Berlin - Der Berliner Sternekoch Tim Raue (52) hat sich an seine Zeit als Mitglied der berühmt-berüchtigten türkischen Gang "36 Boys" aus Kreuzberg in den 1980er-Jahren erinnert.
"Die '36 Boys' haben sich auch deswegen zusammengeschlossen, weil es darum ging, gesehen zu werden als Mensch, integriert zu werden", berichtet Raue in seinem Zwei-Sterne-Restaurant in Kreuzberg bei der Vorstellung eines Buches über die Bande.
Raue gehörte dieser im Alter zwischen 14 und 16 Jahren als einziger Deutscher an.
"Es ging immer darum, den anderen zu helfen, wenn wir zu viel Scheiß gebaut haben. Weil zu wenig haben wir leider nicht gemacht", sagt Raue. Und fügt mit einem Lächeln hinzu: "Wir können ja über alles sprechen, es ist alles strafrechtlich verjährt."
Als Aufnahmeritual musste sich ein Neuling mehrere Minuten mit zwei Mitgliedern hart prügeln. "Es ging wirklich darum, durchzuhalten. Ich habe keine drei Minuten geschafft." Wichtig sei gewesen, den anderen zu zeigen, man rennt nicht weg. "Ich habe damals einen Cut gehabt, der jetzt fast weg ist, den ich aber mit Stolz trage", erzählt Raue über die blutende Wunde im Gesicht.
Auch Kämpfe mit anderen Banden hätten zum Kreuzberger Straßenleben rund um das Kottbusser Tor gehört. "Ich bin komplett gegen Gewalt mittlerweile. Aber damals war es wichtig, dass du nicht abhaust. Der ganze Körper schreit: 'Renn, renn, renn!', wenn 60 Leute auf dich zukommen", erinnert sich Raue.
"Wir waren damals so 30 oder 40, und du weißt, das Verhältnis ist zwei zu eins. Und die anderen haben nicht ein Streichhölzchen dabei, sondern Baseballschläger. Da musst du zeigen, dass du bleibst."
Tim Raue kritisiert frühere Einstellung gegenüber Zuwanderern
Im Buch "36 Boys. Wie eine Kreuzberger Gang zur Legende wurde" schildert der Journalist Paul Christoph Gäbler die Entstehung der Gang.
Erzählt ist die Geschichte in einer Mischung aus Reportage und Roman in der Gegenwartsform mit vielen Details, wörtlichen Zitaten und der Atmosphäre des heruntergekommenen Kreuzbergs im Schatten der Berliner Mauer.
Der heutige Sternekoch Raue kritisiert die damalige Einstellung der deutschen Gesellschaft und Politik gegenüber den Einwanderern scharf. Das Thema habe "unser Land komplett verkackt". Es habe keine Angebote an die Jugendlichen gegeben: "Wie kannst du ein Teil dieses Landes werden?" Niemand habe den Jugendlichen gezeigt, "wie großartig dieses Land ist, wie demokratisch es ist".
So hätten die Jugendlichen ihre eigene Welt gestaltet, fern der Bürgerlichkeit West-Berlins. "Kreuzberg war der Ort, wo jeder sein konnte. Das ist mir auch heute immer noch wichtig", sagt Raue.