Dresden - Große Stars, dunkle Geschichte, klare Haltung: Im neuen Kino-Drama "Nürnberg" steht Schauspieler Tom Keune (50) ab Donnerstag plötzlich Seite an Seite mit Hollywood-Größen wie Russell Crowe (62) und Rami Malek (44) vor der Kamera und übernimmt eine der unbequemsten Rollen des Films.
Denn "Nürnberg" erzählt die historischen Prozesse gegen führende NS-Verbrecher nach dem Zweiten Weltkrieg. Crowe verkörpert dabei Hermann Göring (1893–1946), Malek den US-Psychiater Douglas M. Kelley (1912–1958), der die Angeklagten begutachtet. Und mittendrin: Keune als Robert Ley, Reichsleiter der NSDAP.
"Als ich das Buch bekommen habe, wusste ich erst mal gar nicht genau, wie ich damit umgehen soll", sagt Keune im TAG24‑Interview. "Es ist ja keine fiktive Figur, sondern eine historische Figur in einem Kontext, wo man mit einer gewissen Verantwortung rangehen muss."
Erst als klar war, welchen Fokus der Film setzt, fiel die Entscheidung: "Als wir diesen Fokus gefunden hatten, habe ich mich sehr gefreut."
Ein Charakter ohne Reue
Um Ley zu verstehen, taucht Keune tief in die Vergangenheit ein. "Ich hatte die Möglichkeit, mir aus vielen Quellen ein Puzzle zusammenzusetzen – aus Protokollen, Archivmaterial, Reden und Überlieferungen." Besonders hängen bleibt für ihn eine Rede: "Unglaublich hasserfüllt und erschreckend voller Anstachelung." Das Bild, das daraus entsteht, ist eindeutig: "Die Figur hat ja kein Schuldbewusstsein. Sie denkt, sie ist im Recht – bis zum Schluss."
Und genau das zeigt sich auch am Ende seines Lebens: Ley entzieht sich dem Prozess durch Suizid. Für Keune ein zentraler Moment der Figur. "Er sagt: 'Ich lasse mich nicht verurteilen. Ich bin kein gewöhnlicher Verbrecher.'"
Und genau hier setzt Keunes eigene Haltung an: "Ich möchte, dass die Zuschauer ihn verurteilen und sagen: 'Wir verurteilen das, was du denkst. Wir verurteilen das, was du getan hast, und das Regime, für das du stehst.'"
Normalerweise gehe es ihm darum, Figuren greifbar zu machen. "Zum ersten Mal in meiner Karriere war es nicht mein Ziel, eine nahbare Figur zu gestalten."
Hollywood ohne Glamour
Gedreht wurde "Nürnberg" als internationale Produktion, mit Stars wie Crowe und Malek. Doch von Glamour keine Spur. "Glamour gibt es gar nicht, es ist ein hoch konzentrierter, intensiver Arbeitsort", sagt Keune. "Alle arbeiten wie ein Bienenvolk zusammen."
Während die Schauspieler im Trailer warten, laufen hinter den Kulissen alle Fäden zusammen: "Set-Design, Licht, Kostüm, Kamera – das greift alles ineinander."
Die großen Namen sind trotzdem entscheidend: "Durch Schauspieler wie Russell Crowe oder Rami Malek erreicht der Film ein riesengroßes Publikum."
Ein Moment, der hängen bleibt
Trotz intensiver Vorbereitung gibt es einen Punkt, der Keune besonders überrascht hat. "Ich bin ja nicht naiv an die Rolle rangegangen, ich hatte Geschichtsleistungskurs und habe Konzentrationslager besucht", sagt er. Doch: "Mir war das Filmmaterial nicht neu, im Gegensatz zu vielen Kollegen aus den USA und Budapest, was mich sehr verwundert hat."
Ein Satz, der zeigt, wie unterschiedlich der Umgang mit Geschichte ist und warum Filme wie "Nürnberg" heute noch gebraucht werden. Die Vergangenheit ist näher, als man denkt. Für Keune ist die Geschichte keine abgeschlossene Erzählung. "Ich kann nach wie vor nicht fassen, dass diese Menschen an die Macht gekommen sind", sagt er.
"Mittlerweile versteht man leider immer mehr, wie es passieren konnte. Das erschreckt mich sehr." Seine Warnung ist klar: "Da müssen wir aufpassen, dass die Scheiße nicht wieder passiert."