Berlin - Bei der Berlin Fashion Week präsentiert Kilian Kerner (47) seine bislang persönlichste Kollektion. In "Burning Symphony" verarbeitet der Designer die wohl schwerste Zeit seines Lebens. Im TAG24-Interview spricht er über Todesangst, Selbstliebe und Abenteuerlust.
Dass der "Germany’s Next Topmodel"-Juror bei unserem Gespräch gut gelaunt auf der Interview-Couch in einer Skatehalle in Berlin-Friedrichshain sitzt, ist alles andere als selbstverständlich.
Hinter dem 47-Jährigen liegen Monate voller Schmerzen, eine traumatische Operation und das Ende seiner Beziehung. Heute blickt Kerner mit einer völlig neuen Perspektive auf sein Leben.
"Wenn man Todesangst hatte, dann verschiebt sich einfach alles", erzählt der Designer. Was früher selbstverständlich schien, habe plötzlich eine ganz neue Bedeutung bekommen. Früher habe er vor allem gearbeitet, Zeit mit seinem Partner verbracht und viel zu Hause gesessen.
"Jetzt ist das Leben komplett anders. Ich kann gar nicht mehr lange zu Hause sitzen."
Kilian Kerner: "Ich kann nicht schlafen, wenn ich nicht alles gesagt habe, was ich sagen will"
Vor allem ein Gedanke begleite ihn seit der Erkrankung jeden Tag: "Im Kopf ist immer: Ich kann morgen tot sein. Wir wissen alle nicht, wie lange wir leben."
Aus diesem Bewusstsein heraus habe er beschlossen, nichts mehr unausgesprochen zu lassen. "Ich kann nicht schlafen, wenn ich nicht alles gesagt habe, was ich sagen will", macht Kerner deutlich. Auf die Frage, was das Ehrlichste gewesen sei, das er in den letzten Wochen ausgesprochen habe, antwortet er ohne zu zögern: "Ich liebe dich!"
Aber er gestand nicht nur jemand anderem seine Liebe, sondern auch die zu sich selbst. Früher habe er sich vor allem über seine Arbeit definiert, heute habe er ein anderes Bild von sich selbst. "Ich habe nie gesehen, was für ein cooler Mensch ich eigentlich bin."
Sein neues Lebensgefühl hat ihn auch zu einem weiteren Schritt motiviert: Mit 47 macht Kerner seinen Führerschein – etwas, das ihm keiner zugetraut hätte. Schon bald zieht er für mehrere Monate nach Los Angeles. Dort möchte er sich einen langgehegten Traum erfüllen: ganz allein mit dem Auto über die Highways fahren und jede Nacht in einem anderen Motel übernachten.
"Ich will gerade alles machen, was ich in meinem Leben noch nicht gemacht habe", erzählt der Wahlberliner.
Die bewegende Geschichte hinter "Burning Symphony"
Wie eng Leben und Mode für Kilian Kerner inzwischen miteinander verbunden sind, zeigt seine neue Kollektion "Burning Symphony". Während der vergangenen Monate schrieb der Designer nahezu ununterbrochen seine Gedanken auf – in zwei Tagebüchern, unzähligen Texten und mehr als 100 Briefen, die er jedoch nie abschickte.
Den entscheidenden Anstoß gab schließlich seine Assistentin. Sie schenkte ihm ein leeres Buch und sagte: "Schreib alles rein, was weh tut – und verbrenn es dann." Kerner folgte diesem Rat. "Das tat gut, war aber auch sehr schmerzhaft. Ich habe dabei sehr geweint."
Aus genau diesem Moment entstand der Titel "Burning Symphony". Mehrere Looks der Kollektion wirken wie verbrannt, glitzernde Tränen laufen den Models über die Wangen, überlange Ärmel stehen symbolisch für Wehrlosigkeit.
Die Entwürfe spiegeln die Gefühlswelt wider, die Kerner in dieser Phase durchlebt hat, und erzählen bildhaft seinen Weg zurück ins Leben.