Wittenbrink denkt "Im weißen Rössl" neu: "Im besten Fall lacht das Publikum über sich selbst"

Hamburg - Mit der österreichischen Operette "Im weißen Rössl" hat das Hansa-Theater im Hamburg am Donnerstagabend seine zweite Premiere der Saison gefeiert. Inszeniert wurde die Neufassung von Kiez-Legende Franz Wittenbrink (77). Auf den ersten Blick würde man das Stück von 1930 und den "König der Liederabende" wohl kaum miteinander in Verbindung bringen – er selbst übrigens auch nicht, wie er im TAG24-Interview verriet. Alles habe im wahrsten Sinne des Wortes mit einer "Schnapsidee" begonnen.

Im Zentrum von "Im weißen Rössl" steht der Zahlkellner Leopold (Michael Rotschopf, r.), der sich in seine Chefin (Susanne Jansen), die Wirtin des "Weißen Rössls", verliebt hat.
Im Zentrum von "Im weißen Rössl" steht der Zahlkellner Leopold (Michael Rotschopf, r.), der sich in seine Chefin (Susanne Jansen), die Wirtin des "Weißen Rössls", verliebt hat.  © Kerstin Schomburg

"Es war ein Abend, wo ich mit den beiden Intendanten Thomas Collien und Ulrich Waller ein bisschen was getrunken hatte, und dann fragten die mich plötzlich: 'Sag mal, würdest du nicht gerne das 'Weiße Rössl' für uns machen?'", erzählt Wittenbrink, der erstmal lachend zustimmte.

Später – mit nüchternem Kopf – habe er das Ganze aber noch mal gründlich überdacht: "Erstens: Ich kannte das Stück nicht wirklich, ich kannte nur die Gassenhauer, die jeder kennt, und hatte das Gefühl – auch geprägt von der Aufführungspraxis in Deutschland –, dass das eher so eine Klamotte ist, mit ein paar Schlagern drin."

Beim Lesen des Originalstücks von Hans Müller und Erik Charell habe sich seine Meinung dann aber schnell geändert: "Ich dachte: 'Oh verdammt, da waren Könner am Werk.' Wenn man das ernst nimmt, ist das eine richtig böse, witzige Operette."

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Daraus ist eine spannende und ebenso gelungene Neuinterpretation geworden, in der Franz Wittenbrink "Im weißen Rössl" ernst nimmt und zugleich bewusst neu denkt, weg von der behäbigen Operetten-Tradition hin zu Tempo und Esprit: "Ich habe versucht, die Operette wieder dahin zurückzuführen, wo sie ursprünglich war: eine spitze, treffende Komödie über menschliche Schwächen, über Tourismus und Abzocke, bei der das Publikum im besten Fall über sich selbst lacht. Das ist für mich Humor."

Gleichzeitig löst er sich von eindimensionalen Figurenzeichnungen. Die Charaktere sind "keine bloßen Klischees", sondern erhalten spürbare Doppelbödigkeiten. Besonders augenzwinkernd gelingt das bei der erweiterten Rolle der Briefträgerin (gespielt von Sabrina Ascacibar), die plötzlich jodelt – und das nicht nur klassisch alpenländisch, sondern sogar mit popkulturellen Anklängen.

Was passiert, wenn Wunschvorstellungen und Erwartungshaltungen von Städtern und Landbewohnern aufeinanderprallen? Die Neufassung von Franz Wittenbrink wirft einen ebenso humorvollen wie bissig-aktuellen Blick hinter die Kulissen von Tourismus und Übertourismus.
Was passiert, wenn Wunschvorstellungen und Erwartungshaltungen von Städtern und Landbewohnern aufeinanderprallen? Die Neufassung von Franz Wittenbrink wirft einen ebenso humorvollen wie bissig-aktuellen Blick hinter die Kulissen von Tourismus und Übertourismus.  © Kerstin Schomburg
Begleitet wird das Stück vom "White Horse Orchestra", selbst am Klavier: Franz Wittenbrink (77, r.). "Ehrlich gesagt wollte ich eigentlich gar nicht mehr inszenieren“, sagt er. Sein Fokus liege inzwischen allein auf dem Komponieren. Dennoch: "Ich habe hier beides gemacht, weil ich vermeiden wollte, dass Musik und Inszenierung auseinanderdriften. Dann streite ich mich höchstens mit mir selber."
Begleitet wird das Stück vom "White Horse Orchestra", selbst am Klavier: Franz Wittenbrink (77, r.). "Ehrlich gesagt wollte ich eigentlich gar nicht mehr inszenieren“, sagt er. Sein Fokus liege inzwischen allein auf dem Komponieren. Dennoch: "Ich habe hier beides gemacht, weil ich vermeiden wollte, dass Musik und Inszenierung auseinanderdriften. Dann streite ich mich höchstens mit mir selber."  © Kerstin Schomburg

"Im weißen Rössl": Wer den Film erwartet, wird bereits nach fünf Minuten eines Besseren belehrt

Franz Wittenbrink gegenüber TAG24: "Mir ist wichtig, dass das Publikum Spaß hat. Ich mache das nicht aus Eitelkeit, sondern weil ich gute Unterhaltung auf hohem Niveau liebe. Theater hat letztlich einen Zweck: zu unterhalten."
Franz Wittenbrink gegenüber TAG24: "Mir ist wichtig, dass das Publikum Spaß hat. Ich mache das nicht aus Eitelkeit, sondern weil ich gute Unterhaltung auf hohem Niveau liebe. Theater hat letztlich einen Zweck: zu unterhalten."  © Jonas Walzberg/dpa

Mit der gleichnamigen Verfilmung von 1960 hat die Inszenierung dagegen nur wenig gemein – jener Version, in der Peter Alexander (†84) als verliebter Kellner Leopold seine Paraderolle spielte und die viele Zuschauerinnen und Zuschauer wohl zunächst vor Augen haben.

"Wenn man mit bestimmten Erwartungen kommt, merkt man innerhalb von fünf Minuten, dass man etwas anderes bekommt", so Wittenbrink im TAG24-Gespräch.

Und das nicht nur inhaltlich, sondern auch dramaturgisch: "Im Original verlieben sich Sigismund und Klärchen sehr schnell. Ich habe das auseinandergezogen, damit es glaubwürdiger wird." Und typisch für den "König der Liederabende" bekommt das österreichische Setting einen lokalen Einschlag: Der Konkurrent Sülzheimer stammt in seiner Version aus Hamburg-Sasel.

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Dass das Stück bis heute funktioniert, steht für Wittenbrink außer Frage. "1930, zur Uraufführung, war die Gesellschaft noch stärker gespalten als heute. Gerade in solchen Zeiten gibt es ein Bedürfnis nach Unterhaltung – aber kluger Unterhaltung. Humor kann ein Teil der Lösung sein."

Im Hansa-Theater gehe dieses Konzept voll auf: "Wir öffnen den Zuschauerraum mit Bewirtung – das wird quasi ein verlängerter Gastgarten des 'Weißen Rössels'." Diese Idee spiegelt sich auch im Erlebnis vor Ort wider – von der Speisekarte bis hin zur Vorstellung der Kellnerinnen und Kellner des Abends. So ruft etwa Michael Rotschopf als Leopold augenzwinkernd ins Publikum: "Knausrig sein könnt ihr morgen."

Am Premieren-Donnerstag war sich das Publikum jedenfalls einig: Der Service war in jeder Hinsicht ausgezeichnet und wurde mit minutenlangem Applaus belohnt.

"Im weißen Rössl" ist noch bis zum 3. Mai 2026 im Hansa-Theater zu sehen. Vorstellungen finden mittwochs bis samstags jeweils um 19.30 Uhr statt. Tickets gibt es unter hansa-theater.com.

Titelfoto: Kerstin Schomburg

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