Von Andreas Heimann
Berlin - Vor einem Jahr scheiterte Michael Müller (61) bei der Bundestagswahl. Seitdem ist der frühere Regierende Bürgermeister Pensionär - und hat doch nicht ganz mit der Politik abgeschlossen. Nun spricht er darüber, was er vermisst - und wovor er Angst hatte.
Dass Abgeordnete den Wiedereinzug in den Bundestag verpassen, kommt vor. Ungewöhnlich ist allerdings, das Wahlkreisbüro trotzdem zu behalten. Michael Müller macht genau das.
Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, der bis zur Wahl für die SPD im Bundestag saß, nennt seine Räume in Charlottenburg nun "Setzerei" - ein Ort, an dem man zusammenkommt, um sich zusammenzusetzen und zu diskutieren. An der Tür steht: "Politik, Kultur, Gespräche".
"Ich bin Pensionär. So ist es nun mal", sagt Müller. Seine Aufgabe als Regierender Bürgermeister war für ihn "eine tolle Zeit und ein sehr privilegiertes Arbeiten".
Heute genießt er die Freiheit. Früher wurde er morgens abgeholt, der Tag war bis 23 Uhr durchgetaktet. "Jetzt schlafe ich auch mal aus, lese Zeitung und fahre später ins Büro."
Von der SPD abgesägt: "zu alt, zu weiß, zu rechts"
Ganz ohne Wehmut geht es nicht. "Manchmal tut es ein bisschen weh, wenn ich Reden höre und denke: Die hätte ich gern gehalten." Doch er stellt klar: "Ich wache nicht morgens auf und weine. Ich habe keinen Phantomschmerz."
Die Berliner Politik verfolgt er weiter - aber mit Abstand. "Als Regierender Bürgermeister, da wird erwartet, dass man weiß, wo eine Parkbank umgefallen ist in der Stadt. Das ist nun vorbei", sagt der gelernte Drucker.
Was er vermisst? "Man ist näher dran, bekommt Hintergrundinfos, die nicht in der 'Tagesschau' vorkommen." Ab und zu fährt er noch zu internen Treffen in den Bundestag - muss nun aber fragen, ob er dazukommen darf.
"Mein Horror war, zu Hause zu sitzen und keine Aufgabe zu haben", sagt Müller. Mit der Setzerei habe er eine Aufgabe, die auch gesellschaftspolitisches Engagement sei.
Für die Berliner SPD wünsche er sich in Zukunft die richtige "Mischung", die ihm bisher fehle. Ihm wurde klargemacht, er sei für die Partei "zu alt, zu weiß, zu rechts". Er sehe ein, dass in der SPD in Berlin nicht nur noch 60-jährige Ex-Bürgermeister herumlaufen sollten, "aber wenn es nur 25-jährige Politologen sind, ist es genauso schlimm", meint Müller.