Gras statt Plastik: Berliner Unternehmen kämpft gegen den To-go-Müll
Berlin - Der Coffee-to-go gehört für viele Berliner zum Alltag. Mit ihm wächst allerdings auch ein Müllberg, der seit Jahren Umweltverbände und Kommunen beschäftigt. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt werden in Berlin täglich rund 20.000 Einwegbecher pro Stunde verbraucht. Doch welche Alternativen gibt es – und können sie die Becher-Flut tatsächlich bremsen?
Mit dieser Frage beschäftigt sich auch die Online-Druckerei "Wir machen Druck". Das Unternehmen entwickelt unter anderem Kaffeebecher, bei denen ein Teil der Papierfasern durch Graspapier ersetzt wird. Der Rohstoff wächst schnell nach, kann regional gewonnen werden und soll dadurch Transportwege verkürzen.
Geschäftsführer Stefan Wegner rät jedoch von überzogenen Erwartungen ab: "Der Grasbecher ist nicht automatisch die ökologischste aller Bechervarianten", sagt er. Klassische Einwegbecher enthalten häufig eine Polyethylen-Beschichtung, die das Papier vor Flüssigkeit schützt, aber das Recycling erschwert. Alternative Beschichtungen können die Wiederverwertung verbessern oder – bei entsprechender Zertifizierung – eine Kompostierbarkeit ermöglichen.
Auch eine Untersuchung des Umweltbundesamtes zeigt: Die Umweltwirkung eines Bechers hängt nicht allein vom verwendeten Material ab. Entscheidend sind unter anderem Gewicht, Deckel, Herstellung, Transport, Entsorgung und vor allem die tatsächliche Nutzung.
Die Forschenden warnen deshalb davor, Einwegprodukte ausschließlich anhand ihres Rohstoffs zu bewerten.
Vorsicht vor falschen Nachhaltigkeitsversprechen
Besonders deutlich wird das beim Vergleich zwischen Einweg- und Mehrwegsystemen. Die UBA-Studie zeigt, dass Mehrweg ökologisch meist im Vorteil ist – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Die Becher müssen häufig genug genutzt, möglichst ohne Einwegdeckel eingesetzt und effizient gespült werden. Erst dann entstehen die erwarteten Umweltvorteile.
Genau auf diese Differenzierung verweist auch Wegner: "Unsere Perspektive ist nicht, Einweg und Mehrweg gegeneinander auszuspielen. Wir möchten Becher entwickeln und anbieten, die entweder möglichst gut recycelt oder […] vollständig kompostiert werden können."
Damit spricht der Unternehmer einen Punkt an, der in der Nachhaltigkeitsdebatte häufig untergeht: Nicht jede ökologische Werbeaussage hält einer genaueren Betrachtung stand. Auch Wegner sieht die Gefahr von Greenwashing, wenn Produkte pauschal als "umweltfreundlich" oder "nachhaltig" bezeichnet werden, ohne den konkreten Vorteil zu erklären.
Für das Unternehmen entsteht daraus ein Spagat: Einerseits steigt die Nachfrage nach nachhaltigeren Lösungen deutlich. Nach Unternehmensangaben werden inzwischen mehr als die Hälfte der produzierten Becher aus alternativen Papierlösungen hergestellt. Andererseits bleibt bei Großkunden häufig der Preis entscheidend, sodass weiterhin konventionell beschichtete Varianten bestellt werden.
Fest steht: "Ein einzelner Becher löst das Müllproblem einer Großstadt nicht", sagt Wegner. "Ein recyclingfähiger Becher bringt wenig, wenn er nicht getrennt gesammelt und recycelt wird. Das Gleiche gilt für einen kompostierbaren Becher, wenn keine geeignete Entsorgung vorhanden ist."
Wegner sieht die Arbeit seines Unternehmens deshalb als Teil einer größeren Entwicklung: bessere Materialien zu erproben, kunststoffhaltige Barrieren zu reduzieren und Lösungen für eine bessere Verwertung von Einwegbechern im Massenmarkt verfügbar zu machen.
Titelfoto: Sebastian Gollnow/dpa

