Wie ich einmal einen Polizisten im Film spielte und beinahe selbst verhaftet wurde
Berlin - Der Film "Fictional Healing" ist Teil der gleichnamigen Ausstellung des Berliner Filmemachers und Künstlers Daniel Hopp (38), die ab Samstag im Kunsthaus Hamburg zu sehen ist. Eine Nebenrolle in dem Film spielt TAG24-Redakteur Christoph Carsten, der hier von seiner ungewöhnlichen ersten Erfahrung bei einem Filmdreh berichtet.
In seinem Traum habe der Filmpolizist genauso ausgesehen wie ich, erklärt Hopp am Telefon. Der Anruf kommt überraschend, schließlich habe ich den Künstler nur einmal anlässlich einer Ausstellung interviewt. "Du musst keine Erfahrung haben, alles wird improvisiert", so der 38-Jährige.
Ich erfahre nur, dass in einem versteckten Verschlag am Berliner Ostbahnhof gedreht werden soll, der sonst von Obdachlosen als Schlafplatz genutzt wird. Trotzdem sage ich sofort zu. Wann hat man schon einmal so eine Chance?
Am Drehtag lege ich im Bahnhofs-WC meine Polizeiuniform an. Ich erfahre, dass es in der doku-fiktionalen Filmhandlung um den Kunstraub einer Skulptur geht, die Hopp und seine Komplizen an Orten wie dem Leopoldplatz oder dem Ostbahnhof für die gesellschaftlichen Außenseiter ausstellen wollen. Der Filmemacher war früher selbst drogenabhängig und wurde als "Intensivtäter" geführt.
In meiner Szene soll ich die Skulptur zusammen mit der Polizei-Chefin "verhaften". Herti ist ebenfalls Laiendarstellerin und ein echtes Original mit Berliner Schnauze ohne Standby-Knopf. Daniel Hopp erzählt, er kenne Herti vom Gassigehen. Auf die Frage, was für einen Hund er habe, antwortet er reserviert mit "Listenhund".
Der Kameramann stellt sich als "Pitti" vor - "von Pitbull", fügt er hinzu und bellt mir plötzlich laut ins Gesicht. Ich erschrecke mich, doch Pitti lacht nicht. Ich muss daran denken, wie Hopp im Interview erzählte, er gebe jedem eine Chance - sogar mit verurteilten Mördern habe er zusammengearbeitet. Dann ist da noch der Lichtmann, dessen Name ich nicht erfahre. Er sieht aus wie die hanseatische links-alternative Version von Kid Rock.
"Fictional Healing" von Daniel Hopp im Kunsthaus Hamburg
TAG24-Redakteur wird Schauspieler: Noch mal Glück gehabt
Der Obdachlosen-Schlafplatz ist übersät mit Müll und Fäkalien, es stinkt. Seit wir die Skulptur ausgeladen haben, wirkt Hopp nervös. "ADHS", kommentiert der Lichtmann und ich sehe, dass er einen einzelnen Punkt auf das Augenlid tätowiert hat.
Ich frage, was es mit der Skulptur auf sich hat (für mich überlege ich, ob es sich gar um einen Lüpertz handeln könnte). Pitti: "Schon ganz in der Bullen-Rolle, wa? Bisschen viele Fragen."
Das hier ist kein ZDF-Fernsehfilm, sondern die harte Schule, realisiere ich langsam. Mir ist schwindelig und ich bin froh, dass Herti beim Dreh das Reden übernimmt. Plötzlich wird es hektisch. In einiger Entfernung sehe ich den Lichtmann davon laufen, vor sich die Skulptur auf einer Sackkarre.
"Guten Tach, man hat uns informiert, dass hier illegale Dreharbeiten stattfinden." Vor dem Verschlag stehen zwei Polizisten - echte Polizisten. Mir rutscht das Herz in die Hose. Auch Herti scheint sich zu fürchten.
"Wir haben nur mit Handkamera gedreht, dafür braucht man keine Genehmigung", setzt Daniel Hopp an. "Guter Mann, das hier ist Privatgelände. Da spielt die Art der Kamera keene Rolle", zeigt sich der Polizist unbeeindruckt. Für einen Moment meine ich, glühenden Hass in Daniel Hopps Augen aufflackern zu sehen - doch kurz darauf verwandeln sich diese in Rehaugen, mit denen er die Beamten arglos anblickt. "Ich war selbst mal obdachlos. Wir wollten doch nur ...", flüstert er. "Na gut, Jungs. Heute schauen wir mal drüber hinweg. Und jetzt macht, dass ihr wegkommt", sagt der ältere Polizist mit väterlicher Stimme.
Ich bin erleichtert, dass dieser verrückte Drehtag geschafft ist. Die Ausstellung "Fictional Healing" von Daniel Hopp ist vom 28. März bis zum 24. Mai im Kunsthaus Hamburg zu sehen. Produziert wurde der Film von Ania Kolyszko für "aniamariawanda Films".
Titelfoto: Courtesy der Künstler/ania maria wanda

