"Mach 'ne Kerze an - damit ist es nicht getan": Wie eine Familie den längsten Stromausfall Berlins erlebte

Berlin - Nach dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz lebten viele Menschen im Südwesten der Stadt seit Samstagmorgen im Kalten. Ein junger Vater erzählte im Gespräch mit TAG24, wie seine Familie die Tage ohne Strom erlebte.

Viele Bewohner erleuchteten während des Stromausfalls ihre Häuser mit Kerzen.
Viele Bewohner erleuchteten während des Stromausfalls ihre Häuser mit Kerzen.  © Carsten Koall/dpa

Jan S. (31) lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in einem Einfamilienhaus in Steinstücken im Bezirk Steglitz-Zehlendorf.

Gegen 6.30 Uhr bemerkte er, dass es ungewöhnlich kalt war. "Ich habe rausgeguckt und gesehen, dass die Straßenlaternen nicht leuchten und bin sofort in den Keller." Dort wurde schnell klar: Die Heizung funktionierte nicht mehr. Die größte Sorge galt nicht dem fehlenden Licht, sondern der Kälte.

Um Wärme zu halten, legte die Familie Vorhänge auf die Fensterbänke, informierte sich online und hoffte zunächst, dass der Strom, wie angekündigt, im Laufe des Vormittags zurückkehren würde. Tagsüber konnten sie bei Freunden unterkommen und versuchten, den Alltag für die Kinder möglichst normal zu gestalten.

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Besonders problematisch war die Insellage Steinstückens. Ohne Strom fielen die Hebeanlagen der Kanalisation aus, Abwasser konnte nicht mehr abgepumpt werden. Die Berliner Wasserbetriebe mussten anrücken, um das Abwasser aus den Hebeanlagen zu pumpen.

Jan S.: "Man merkt erst, wenn ein Stromausfall ist, was da alles dranhängt"

Das acht PS starke Notstromaggregat versorgte drei Häuser mit Strom.
Das acht PS starke Notstromaggregat versorgte drei Häuser mit Strom.  © Jan S.

Am dritten Tag zeigte das Thermometer im Haus nur noch rund zehn Grad. Die Familie schlief zu viert in einem Zimmer, um sich gegenseitig zu wärmen. "Man merkt erst, wenn Stromausfall ist, was da alles dranhängt."

Mit Campingkocher und einer Autobatterie mit Spannungswandler ließ sich Alltag notdürftig organisieren. Der zweijährige Sohn war besonders irritiert vom dunklen Haus, der Kerzenschein wirkte für ihn unheimlich. Mit Ablenkung kamen die Kinder dennoch gut zurecht.

Der 31-Jährige versuchte so schnell wie möglich, Strom zu organisieren. Der studierte Bauingenieur wurde kreativ: Er überlegte sogar, ein Elektroauto eines Carsharing-Anbieters als Stromquelle zu nutzen – scheiterte jedoch an der fehlenden technischen Ausstattung der Fahrzeuge.

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Notstromaggregate waren zu diesem Zeitpunkt selbst außerhalb des betroffenen Gebiets kaum verfügbar. Schließlich stellte sein Schwager einen acht PS starken Generator bereit, mit dem auch zwei Nachbarhäuser versorgt werden konnten.

Strom zurück, doch die Unsicherheit bleibt: Sind wir auf den nächsten Blackout vorbereitet?

Zehntausende Menschen hatten im Südwesten der Hauptstadt keinen Strom - und das bei Schnee und Kälte.
Zehntausende Menschen hatten im Südwesten der Hauptstadt keinen Strom - und das bei Schnee und Kälte.  © Elisa Schu/dpa

Kritisch sieht Jan S., dass eine großflächige Warnmeldung erst am dritten Tag kam – "die hätte viel früher kommen müssen". Ansonsten lobt er das Krisenmanagement und die Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft. "Dass wir uns selber helfen konnten, hat dazu beigetragen, uns nicht viele Sorgen zu machen."

Seit Mittwoch fließt der Strom wieder. Geblieben ist die Erkenntnis, wie fragil der Alltag ist. Menschen, die nicht betroffen waren, könnten sich die Situation kaum vorstellen, sagt der zweifache Vater: "Mach 'ne Kerze an - damit ist es nicht getan."

Auch er sei nun unsicher, was in solchen Fällen wirklich zu einer guten Notfallausstattung gehöre. Notstromaggregate zählen laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zwar nicht zur Standard-Erstausstattung – eine Ergänzung des Leitfadens für solche Fälle könnte aber sinnvoll sein.

Titelfoto: Carsten Koall/dpa

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