Braucht Chemnitz in Zeiten von KI noch Gästeführer?
Chemnitz - Das Smartphone kennt jedes Baudenkmal, künstliche Intelligenz erstellt in Sekunden einen persönlichen Stadtrundgang - und beides verlangt kein Trinkgeld. Braucht Chemnitz seine Gästeführer also überhaupt noch?
Die digitale Konkurrenz passt längst in jede Hosentasche: Google Maps lotst Besucher zu Sehenswürdigkeiten, TripAdvisor liefert Bewertungen, ChatGPT plant auf Zuruf individuelle Routen. Selbst das offizielle Tourismusportal Chemnitz.travel bietet "Touren auf eigene Faust" an.
Ramona Wagner (68) vom Chemnitzer Verein der Gästeführer (VGC) sieht darin trotzdem keine existenzielle Bedrohung. "Das ist bis jetzt keine große Konkurrenz", sagt sie. Apps sprächen vor allem ein jüngeres Publikum an.
"Wenn es diese Angebote nicht geben würde, würden sie auch nicht unbedingt eine klassische Stadtführung mitmachen", ist Wagner überzeugt. Die Gästeführerin nutzt KI selbst zur ersten Orientierung.
Blind verlassen würde sie sich darauf nicht: "Man stellt relativ schnell fest, dass manche Aussagen nicht richtig oder die Informationen veraltet sind."
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Eine gute Führung lebt nicht allein von Jahreszahlen und Fakten
Wagner setzt deshalb auf den Unterschied aus Fleisch und Blut: "Bei einem Gästeführer habe ich eine Person vor mir und kann Fragen stellen." Eine gute Führung lebe zudem nicht allein von Jahreszahlen und Fakten.
"Wir versuchen, Geschichte locker, mit Witz und Charme und vor allem unterhaltsam zu vermitteln. Und das kann eine KI nicht." Müssen Gästeführer künftig also stärker zu Entertainern werden? Wagner betont: "Das waren wir schon immer." Bereits die Begrüßung müsse die Gäste zum Schmunzeln bringen und das Eis brechen.
Wie lebendig Stadtgeschichte sein kann, zeigt der VGC nächsten Sonntag bei einem kostenlosen Sternmarsch. Zur Eröffnung des KuHa-Jahres lockte die Idee bereits knapp 200 Teilnehmer an. Diesmal kooperiert der Verein mit dem Chemnitzer Weinfest. Ab 12.30 Uhr starten an der Jakobikirche sechs etwa einstündige Rundgänge in historischen Kostümen.
Christina Günther (39) erzählt als Clara Wolfram von ihrem berühmten Bruder Richard Wagner, Karin Meisel (62) folgt als Amalie Siegert den Spuren ihrer Familie, Ramona Wagner zeigt als Bertha Hartmann deren frühere Wohn- und Arbeitsstätten. Eine Anmeldung ist nicht nötig.
Titelfoto: Uwe Meinhold

