Was Theater-Chef Dittrich über das Chemnitzer Schauspielhaus denkt

Chemnitz - Sanierung oder Neubau? Theater- und Stadtspitze haben sich festgelegt: Statt mehr als 50 Millionen Euro in die Sanierung des alten Chemnitzer Schauspielhauses an der Zieschestraße zu stecken, favorisieren sie einen Neubau hinterm Spinnbau für geschätzte 74 Millionen Euro, der künftig als "Kulturquartier" alle Theater-Standorte (außer Opernhaus) vereinen soll. Woher konkret das Geld kommen soll, steht auch nach jahrelangen Diskussionen weiter in den Sternen.

Christoph Dittrich (59, r.) im angeregten Gespräch mit Redakteur Mario Adolphsen (46).
Christoph Dittrich (59, r.) im angeregten Gespräch mit Redakteur Mario Adolphsen (46).  © Kristin Schmidt

Hinter den Kulissen zehrt die ungeklärte Zukunft schon länger an den Nerven, wie Generalintendant Christoph Dittrich (59) einräumt.

Bevor am Donnerstag das Programm des Festivals "Theater der Welt" vorgestellt wird, blickt er im TAG24-Gespräch auf wegweisende Entscheidungen, dauerhafte Krisen und seine persönliche Familiengeschichte.

TAG24: Seit 2016 ist klar, dass das alte Chemnitzer Schauspielhaus saniert werden muss. Sind das nicht zehn verschenkte Jahre?

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Christoph Dittrich: Ich hätte mir einen schnelleren Fortschritt gewünscht. Auf der anderen Seite hat sich der ursprüngliche Plan, das Haus in zwei Jahren in einen brauchbaren Zustand zu versetzen, so nicht bewahrheitet. Das war ja ganz konkret: 2024 wollten wir aus dem Spinnbau zurückziehen. Da steckte wohl viel Optimismus drin.

Chemnitzer sehen es kritisch, dass das Haus aus der Innenstadt verschwinden soll

Der Spinnereimaschinenbau in Altchemnitz dient dem Schauspiel als Interims-Spielstätte. Sieben der acht Chemnitzer Theater-Standorte sollen hier in einem zentralen Theater-Quartier vereint werden.
Der Spinnereimaschinenbau in Altchemnitz dient dem Schauspiel als Interims-Spielstätte. Sieben der acht Chemnitzer Theater-Standorte sollen hier in einem zentralen Theater-Quartier vereint werden.  © Sven Gleisberg

TAG24: Apropos Optimismus: Gestoppt wurden die Schauspielhaus-Pläne, als die Kosten von anfangs fünf auf über 34 Millionen Euro stiegen. Aktuelle Schätzungen gehen sogar von mehr als doppelt so viel aus. Wie geht's jetzt weiter?

Christoph Dittrich: Bis zum Sommer soll der Stadtrat über die Verwendung der sogenannten Bundesmilliarde entscheiden und bis Jahresende abschließend über den konkreten Standort. Beides ist entscheidend für die weitere Planung.

TAG24: Spinnbau oder Schauspielhaus - diese Diskussion ist noch lange nicht abgeschlossen. Viele Chemnitzer sehen es kritisch, dass das Haus aus der Innenstadt verschwinden soll.

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Christoph Dittrich: Ich finde es sehr positiv, dass über einen Theaterstandort so intensiv diskutiert wird, das ist das größte Lob. Auch wir im Theater verbinden unglaublich viele Erinnerungen und Emotionen mit dem Standort in der Zieschestraße. Sich für einen Neubau am Spinnbau zu entscheiden, ist eine Abwägung zugunsten der Zukunft. Letztendlich ist der Standort in der Zieschestraße immer noch ein Nachkriegs-Provisorium. Ich bin für Historie und Tradition - aber wenn sie nur als glänzender Pokal in der Vitrine steht, hilft sie der Stadt nicht weiter.

TAG24: Empfinden Sie die aktuelle Situation als schicksalhaft? Wenn jetzt keine große Investition zustande kommt, klappt es wohl auch in Zukunft nicht mehr.

Christoph Dittrich: Ich komme aus der Kunst: Schicksalhaft sind Dinge, die man weder erklären noch kausal zuordnen kann - das passt nicht. Aber es ist eine Zeit von größter Bedeutung für das Fortbestehen und die qualitative Entwicklung der Sparten, auch um das Publikum binden und das Haus in die Zukunft tragen zu können.

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Und wenn es zu keiner Einigung kommt?

Hand an der Musik: Generalintendant Christoph Dittrich (59) im Rangfoyer des Chemnitzer Opernhauses.
Hand an der Musik: Generalintendant Christoph Dittrich (59) im Rangfoyer des Chemnitzer Opernhauses.  © Kristin Schmidt

TAG24: Was wäre, wenn es keine Einigung gibt? Es gab bereits mehrmals Unmutsbekundungen aus dem Ensemble, was die Arbeitsbedingungen im Spinnbau betrifft.

Christoph Dittrich: Ich empfinde die Situation zunehmend als schwierig. Es betrifft nicht nur die Schauspieler, sondern viele Gewerke - Maske, Techniker, Beleuchtung ... -, die ordentliche Arbeitsbedingungen verdient haben. Wenn eine Interimsstätte da ist, um anschließend eine bessere Situation vorzufinden, ist die Motivation eine gewisse Zeit lang aufrechtzuerhalten. Aber wenn es kein Ziel gibt, dann fürchte ich schon, dass mittelfristig die Motivation verfliegt und die Bindung ans Haus darunter leidet. Ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass das im Augenblick nicht zu spüren ist. Im Moment gelingt es immer wieder, die Fehlstellen durch Tricks und Kniffe zu überspielen.

TAG24: Eine belastende Gesamtsituation - sehen Sie sich eher als Kultur- oder Krisenmanager?

Christoph Dittrich: Viele Dinge kann man krisenhaft erleben. Auf der anderen Seite ist es so, dass unsere gesamte Welt in Krisen steckt. Manchmal frage ich mich, was mich mehr beschäftigt - die geopolitische Unsicherheit und die kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Welt oder die konkrete Beschäftigung mit dem, was die Theater Chemnitz und das Publikum in dieser Stadt brauchen. Irgendwie kann man das gar nicht trennen. Kultur hat immer auch etwas damit zu tun, wie Menschen die Welt sehen und wie sie sie sehen möchten.

TAG24: Gestatten Sie mir abschließend eine private Frage: War Ihr Vater damals sehr enttäuscht, dass sie Musiker und nicht, wie er, Dachdecker geworden sind?

Christoph Dittrich: Nein, gar nicht. Meine Eltern haben meinen Bruder und mich immer sehr unterstützt in unseren eigenen Vorstellungen über unser Leben und unseren Werdegang. Hinzu kommt, dass meine Mutter Kirchenmusikerin war. Von ihr habe ich 75 Prozent meines Rüstzeugs erworben. Mein Bruder ist früh in die Handwerker-Richtung gegangen, wurde ganz jung Dachdeckermeister. Und mein Sohn eifert Großvater und Onkel nach - er ist auch Dachdeckermeister. Da schließt sich der Kreis.

Dresdner Dachdecker-Dynastie

Christophs jüngerer Bruder Jörg Dittrich (56) führt heute Familienbetrieb und Handwerkskammer.
Christophs jüngerer Bruder Jörg Dittrich (56) führt heute Familienbetrieb und Handwerkskammer.  © Michael Kappeler/dpa

Christoph Dittrich wuchs in Dresden auf, studierte von 1986 bis 1991 Tuba an der Musikhochschule Carl Maria von Weber, unter anderem in der Meisterklasse von Ludwig Güttler.

Von 1991 bis zu seinem Wechsel an die Theater Chemnitz am 15. April 2013 wirkte er in der Elbland Philharmonie - zuerst als Musiker, ab 2002 als deren Intendant.

Bekannt ist die Familie Dittrich in Dresden vor allem als Dachdecker-Dynastie: Vater Claus Dittrich (86) leitete seit 1961 den bereits von seinem Großvater gegründeten Dachdecker-Betrieb. Für den Aufbau der Dresdner Handwerkskammer nach der Wende erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Familienbetrieb und Handwerkskammer werden heute von Christophs jüngerem Bruder Jörg Dittrich (56) geführt, der seit 1. Januar 2023 zudem Präsident der Zentralkammer des Deutschen Handwerks ist.

Titelfoto: Kristin Schmidt

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