35 Jahre nach Abzug der Roten Armee: Warum tauchen ausgerechnet jetzt so viele Gift-Ampullen auf?
Chemnitz - Welche Gefahr geht vom ehemaligen Militärgelände sowjetischer Streitkräfte im Ebersdorfer Wald aus? Nach dem bereits dritten Fund mysteriöser Ampullen, deren Inhalt teils als "explosiv, giftig und krebserregend" eingestuft worden war, bewertet die Chemnitzer Stadtverwaltung die Sicherheitslage offenbar neu.
"Nach der Beseitigung der weiteren zwei Ampullen wird das Areal wiederholt durch das Umwelt- und Grünflächenamt begutachtet", teilte eine Stadt-Sprecherin mit. Auch eine Absperrung wird offenbar in Erwägung gezogen: "Die Stadt Chemnitz prüft derzeit weitergehende Maßnahmen."
Der genaue Inhalt der – teils mit Etiketten in kyrillischer Schrift versehenen – Behältnisse ist nach wie vor unklar. "Die Untersuchungen durch Experten dauern an", heißt es aus dem Rathaus.
Das Militärareal hatte nach Abzug der russischen Truppen einer wilden Sondermülldeponie geglichen.
1992 dokumentierte Fotojournalist Harry Härtel (66) die giftigen Hinterlassenschaften: "Ich fotografierte den Abtransport zurückgelassener Offiziers-Autos vom Adalbert-Stifter-Weg, als ich die Schrottberge entdeckte."
"Es war erschreckend. Dort liefen Öle und undefinierbare Substanzen in den Boden, ein stechender Geruch lag in der Luft", so Härtel weiter.
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Haben Tiere die Ampullen ausgegraben?
Laut Stadt wurde die Liegenschaft einer systematischen Altlastenuntersuchung unterzogen, der die "Beseitigung von Schrott- und Abfallablagerungen der GUS-Streitkräfte" folgte.
Für die Giftfunde, die mehr als drei Jahrzehnte später das Areal plötzlich wieder zum Sicherheitsproblem machen, gibt es mehrere mögliche Ursachen: Verlassene Militäranlagen ziehen Hobbyforscher und Sondengänger an, die dort mit Metalldetektoren suchen – und unbrauchbare Funde möglicherweise offen zurückgelassen haben.
Auch Tiere könnten die Ampullen zufällig ausgegraben haben: "Wildschweine suchen besonders im Frühjahr gern im Boden nach Würmern. Auch ein Dachs, der seinen Bau gräbt, kommt als Verursacher infrage", schätzt Jens Schreiber (56) vom Jagdverband Chemnitz ein.
Titelfoto: Jan Härtel (2)
