TAG24 macht den Selbstversuch: So fühlt sich autonomes Fahren an

Chemnitz - Die Forschungsgruppe Allgemeine und Arbeitspsychologie der Technischen Universität Chemnitz führt gegenwärtig eine Fahrsimulator-Studie durch. Im Rahmen des EU-Projekts "Mediator" können Probanden ein intelligentes Assistenzsystem selbst ausprobieren und bewerten. Redakteurin Pia Lucchesi (48) setzte sich als Testperson auch hinters Lenkrad. Neugier war ihr Hauptantrieb: Wie fühlt sich automatisiertes Fahren an?

Einsatz am Speed-Limit: Redakteurin Pia Lucchesi (48) im Fahrsimulator beim autonomen Fahren.
Einsatz am Speed-Limit: Redakteurin Pia Lucchesi (48) im Fahrsimulator beim autonomen Fahren.  © Ralph Kunz

Die Idee vom autonomen Fahren finde ich so abstoßend wie anziehend. Ich fahre seit 30 Jahren Auto. In meinen Ohren klingt es verlockend, sich während der Fahrt eine Auszeit nehmen zu können.

Allein mein Sicherheitsbewusstsein dreht bei dem Gedanken durch. Computer sollen sicher fahren? Das will ich sehen!

Der Versuch sieht vor, dass neben Befragungen und Interviews vier Fahrten im Simulator absolviert werden. Ich starte forsch. Augenblicklich wird mir blümerant.

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Mein Kopf tut sich schwer, die lebensechten Visualisierungen in meinem Sichtfeld mit dem "Fahrerlebnis" zu harmonisieren. Ein Stau. Bremsen, beschleunigen, bremsen. Endlich freie Piste. Ich denke: Ganz okay, bis auf den Magen...

Die zweite Fahrt ähnelt der ersten. Doch jetzt unterstützen mich elektronische Assistenten. Sie halten die Spur, sorgen für entspanntes Fahren. Prima!

Eine sehr realistische 2-D-Visualisierung im 180-Grad-Sichtfeld des Fahrers sorgt für Autobahn-Feeling während der Tests.
Eine sehr realistische 2-D-Visualisierung im 180-Grad-Sichtfeld des Fahrers sorgt für Autobahn-Feeling während der Tests.  © Ralph Kunz
Nach der ersten Fahrt im Simulator rebellierte der Magen.
Nach der ersten Fahrt im Simulator rebellierte der Magen.  © Ralph Kunz

Autonomes Fahren: Nach einer Weile gewöhnt man sich an die Vorteile

Die Systeme übernehmen ab einem gewissen Punkt die Steuerung des Autos.
Die Systeme übernehmen ab einem gewissen Punkt die Steuerung des Autos.  © Ralph Kunz

Während der dritten Fahrt kann ich die Kontrolle über das "Fahrzeug" an den Mediator abgeben, sobald der Bordcomputer mir diesen Dienst anbietet. Zudem soll ich eine E-Mail beantworten. Rechts neben dem Lenkrad ist dafür ein Laptop fest installiert.

Meine Hände schwitzen. Ich lege los, obwohl mein Geist protestiert. Er will die volle Kontrolle - jederzeit! Der Bordcomputer kündigt einen Stau an und bietet mir an, das Fahren zu übernehmen. Es kostet mich Überwindung, auf sein Angebot einzugehen.

Die "Übergabe" per Knopfdruck klappt problemlos. Ich lasse das Lenkrad trotzdem - vorerst - nicht los. Mein Blick ist auf die Straße geheftet. Kann DER das wirklich??? Es dauert eine Weile, bis ich mich der E-Mail - erst mit einem Auge, dann ganz - widmen kann. Stauende. Ich übernehme wieder. Mein Puls beruhigt sich spontan.

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Vierte Fahrt, gleiche Aufgabenstellung. Ich bin ruhiger und trete fast bedenkenlos meinen Fahrerjob ab. Ich hacke in die Laptop-Tasten, da sehe ich mit einem halben Auge, dass wir auf das Stauende zubrettern! Mein Herz tourt sofort hoch. Energisch trete ich auf die Bremse, schnappe nach Luft. Puh, nicht aufgefahren. Hatte ER die Lage im Griff?

Das autonome Fahren danach ist entspannt. Ich tippe die Mail, übernehme wieder und beende aufgewühlt die letzte Testfahrt im Simulator. Zwei Stunden später zuckele ich im Dunkeln bei Schneetreiben in meinem Kleinwagen über die Autobahn und erwische mich beim Seufzen: Jetzt könnte mir jemand ruhig das Fahren abnehmen.

Uni-Forscher: "Die Vorbehalte gegenüber der Technik sind individuell"

Matthias Beggiato (45) leitet in Chemnitz die Studie mit. Das Mediator-System wird im Februar in einem richtigen Fahrzeug auf italienischen Straßen getestet.
Matthias Beggiato (45) leitet in Chemnitz die Studie mit. Das Mediator-System wird im Februar in einem richtigen Fahrzeug auf italienischen Straßen getestet.  © Ralph Kunz

TAG24 stellte vier Fragen an Dr. Matthias Beggiato (45), der die Studie an der TU Chemnitz mit leitet.

TAG24: Welche Erkenntnisse versprechen Sie sich von den Tests im Fahrsimulator?

Beggiato: Wir möchten wissen, wie lange die Leute brauchen, bis sie so einem Assistenzsystem vertrauen. Uns interessiert, welche Ängste und Befürchtungen es dabei gibt. Außerdem arbeiten wir an der Idee eines Assistenzsystems, das mit dem Fahrer spricht und diesem seine Dienste anbietet in Abhängigkeit von der Situation und der Verfassung des Fahrers.

TAG24: Bohren Sie da dicke Bretter?

Beggiato: Nein. Die Leute erkennen den Vorteil rasch, etwas bei einer Autofahrt tun zu können. Gerade im Stau. Tatsache ist aber auch, dass viele nicht immer automatisiert gefahren werden möchten.

TAG24: Welche Vorbehalte gibt es gegenüber der Technik?

Beggiato: Die Vorbehalte sind sehr individuell. Da spielt etwa hinein, wie technikaffin, skeptisch oder ängstlich eine Person ist. Letztlich sollte jeder für sich entscheiden können, wann er Assistenzsysteme nutzt.

TU-Mitarbeiterin Tina Günther-Gommlich berichtet Dr. Matthias Beggiato, wie die verschiedenen Studienteilnehmer die Informationen auf dem Bordcomputer erfassen, interpretieren und bewerten.
TU-Mitarbeiterin Tina Günther-Gommlich berichtet Dr. Matthias Beggiato, wie die verschiedenen Studienteilnehmer die Informationen auf dem Bordcomputer erfassen, interpretieren und bewerten.  © Ralph Kunz

TAG24: Wie viele Jahre sind wir vom autonomen Fahren noch entfernt?

Beggiato: Das wird kein alles oder nichts. Sondern es wird Situationen geben, wo es verfügbar ist. Autobahn-Stau wird wahrscheinlich die erste Funktion sein, wo es sich durchsetzen wird.

Titelfoto: Ralph Kunz

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