Chemnitz - Die Chemnitzer Tafel kämpft an mehreren Fronten zugleich: Immer mehr Menschen brauchen Hilfe, gleichzeitig reichen Spenden und Kapazitäten kaum noch aus. Zudem beklagen die Verantwortlichen fehlende Wertschätzung durch die Stadt.
"Wir fühlen uns ungesehen", bringt es Geschäftsführerin Anja Rahn (43) auf den Punkt. Sie hatte im vergangenen Sommer den Staffelstab von Vorgängerin Christiane Fiedler (65) übernommen.
Auf eine E-Mail an die Stadt, mit der Fiedlers Abgang mitgeteilt wurde, habe es keine Antwort gegeben - nur eine automatisierte Bitte, keine Werbung zuzusenden. "Das hat uns sehr traurig gemacht und eine Woche beschäftigt."
Das Rathaus kann die Kritik nicht nachvollziehen: "Es ist nicht bekannt, dass aus dem Bereich des Oberbürgermeisters eine E-Mail mit diesem Inhalt versendet wurde."
Grundsätzlich gebe es vom OB nur individuelle Antworten. "Für ihr Engagement für Bedürftige und Hilfe suchende Menschen wurde Christiane Fiedler im Februar 2025 mit dem Ehrentaler der Stadt Chemnitz gewürdigt."
Tafel braucht neuen Kühltransporter
Seit Juli 2025 führt Anja Rahn die Geschäfte und erlebt jeden Tag, wie eng es geworden ist. Die Zahl der Anfragen sei weiter hoch, vor allem von Ukrainern und Menschen aus dem arabischen Raum. Insgesamt bewege sich das je nach Woche bei etwa 500 bis 700 Menschen. "Wir können aktuell auch niemanden aufnehmen", sagt Rahn.
Auch finanziell wird es knapper. Zum Jahresanfang mussten die Beiträge erhöht werden. Je nach Haushaltsgröße zahlen die Kunden jetzt bis zu 7,50 Euro.
Dazu kommt das nächste Sorgenkind: Ein neuer Kühltransporter muss her. Der jetzige Wagen halte wohl nicht mehr lange durch. Für Ersatz rechnet die Tafel mit 40.000 bis 70.000 Euro.
Wie hart die Arbeit wirklich ist, zeigte sich jetzt auch bei einem ungewöhnlichen Einsatz: Die Junge Union half mit drei Mitgliedern in der Tafel aus. Kisten schleppen, Obst und Gemüse sortieren, Ausgabe organisieren - JU-Chef Joel Hochmuth (23) bekam einen direkten Eindruck davon, was hier täglich geleistet wird. Er sagt, er habe großen Respekt vor den Helfern. Die Arbeit sei anstrengender, als viele denken.
Auch Hochmuth verbindet seinen Besuch mit klarer Kritik an der Stadtspitze. Aus seiner Sicht bekommen soziale Einrichtungen wie die Tafel zu wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung.