Grüner Herrmann sitzt für Chemnitz im Bundestag: "Ich will die Welt verändern"

Chemnitz/Berlin - Mit 55 stellte Bernhard Herrmann sein Leben auf den Kopf. Der Chemnitzer Grüne kandidierte für den Bundestag - und zog im September ins Parlament ein. Jetzt, mit 56, ist er fast angekommen. Nur sein richtiges Büro fehlt noch.

Der Grüne aus Chemnitz hat sein provisorisches Büro noch mit lila Faserschreiber gekennzeichnet.
Der Grüne aus Chemnitz hat sein provisorisches Büro noch mit lila Faserschreiber gekennzeichnet.  © Kristin Schmidt

TAG24 begleitete den Chemnitzer für einen Tag im Bundestag. Am provisorischen Büro im Jakob-Kaiser-Haus hängt noch ein handgemaltes Türschild in Lila. Inhaltlich gibt der gelernte Wasserbau-Ingenieur aber Vollgas: "Ich mache im Bundestag die gleichen Themen wie im Stadtrat. Nur eben in einer Regierungskoalition für alle."

Für die bevorstehenden knapp vier Jahre Bundestag hat sich der Chemnitzer ein Motto gesetzt: "Ich will die Welt verändern, zwingend muss ich es aber nicht!"

Dazu arbeitet Bernhard Herrmann an einer nachhaltigen Wirtschaft, Klimaschutz, Verkehrswende, Energie aus Wind und Solar "mit deutlich kürzeren Genehmigungszeiten" - auch fürs Abnabeln von Russland und die Wasserstoffproduktion -, an Mieterstrom und Ostthemen.

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Ehrgeizige Ziele. Doch seine fitte Büroleiterin in Berlin, Alma Sarajlic (38), traut ihm viel zu: "Er meint das ernst." Herrmann rettet die Welt nicht an einem Tag. Beim TAG24-Besuch macht er einen Fototermin pro Flüchtlinge, hält zwei Reden im Plenum.

Früher selbstständiger Wasserbau-Ingenieur, seit September im Bundestag: Bernhard Herrmann (56).
Früher selbstständiger Wasserbau-Ingenieur, seit September im Bundestag: Bernhard Herrmann (56).  © Kristin Schmidt
TAG24-Redakteur Bernd Rippert (r.) begleitete den Abgeordneten Bernhard Herrmann für einen Tag im Bundestag.
TAG24-Redakteur Bernd Rippert (r.) begleitete den Abgeordneten Bernhard Herrmann für einen Tag im Bundestag.  © Kristin Schmidt

"Ich tendiere zur Beratungspflicht mit nachgeordneter Impfpflicht ab 50"

Zwei Reden hielt Bernhard Herrmann im Plenum. Themen: Aufarbeitung SED-Diktatur und Mahnmal für die Opfer des Kommunismus.
Zwei Reden hielt Bernhard Herrmann im Plenum. Themen: Aufarbeitung SED-Diktatur und Mahnmal für die Opfer des Kommunismus.  © Kristin Schmidt

Mittags spricht Herrmann zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Bevor er sagen kann, dass der Kampf für eine freie Gesellschaft "richtig war und ist", unterbricht ihn Bundestags-Vize Katrin Göring-Eckhardt (55) nach 31 Sekunden, weil Beatrix von Storch (50, AfD) ihre Maske rutschen lässt. Seine Redezeit hält Herrmann mit 5.27 Minuten dennoch fast ein.

Kurz vor Mitternacht darf der Chemnitzer noch zum geplanten Mahnmal für die Opfer des Kommunismus sprechen. Zuvor trank er ein Wasser im Bundestagscafé - immerhin mit Außenministerin und Parteifreundin Annalena Baerbock (41) am Nebentisch.

Vormittags hatte er der Impfpflichtdebatte zugehört - auch sie war Thema an diesem langen Arbeitstag. "Ich tendiere zur Beratungspflicht mit nachgeordneter Impfpflicht ab 50, abhängig von der Pandemie-Entwicklung. Es muss umsetzbar sein." Diese Polit-Lektion hat Bernhard Herrmann schon gelernt.

Kommentar: Stress im Bundestag

Ein Kommentar von Bernd Rippert

Reden im Plenum, zuhören, mit Kollegen be- und absprechen, Akten lesen, Termine planen, Ausschüsse vorbereiten, wieder absprechen, Gedanken machen über seine eigene Meinung zu den Themen A, B und C und bei all dem die eigene Familie nicht vergessen - ein Arbeitstag als Bundes- oder Landtagsabgeordneter ist kein Zuckerschlecken.

Mein Besuch in Berlin beim Bundestagsabgeordneten Bernhard Herrmann war ein rasanter Rutsch in eine komplett andere Welt. Einfach mal so durch den Bundestag laufen? Nicht mal für Abgeordnete möglich. Stets müssen sie Maske auf- und absetzen, sich an Sicherheitsschleusen ausweisen, irrsinnig lange Gänge entlang rennen.

Unterwegs werden Aktennotizen gelesen, Kollegen begrüßt, die Büroleitung angerufen, die ständig geänderten Termine auf dem Smartphone gecheckt. Und zurück ins eigene Büro, weil ein Besucher aus dem Wahlkreis wartet.

Das Wort Stress bekommt in der Politik eine neue Bedeutung. Stress rechtfertigt nicht jeden Mist, den die Politik verzapft. Aber ein wenig Nachsicht sollten wir zeigen.

Titelfoto: Kristin Schmidt

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