OB Ludwig im TAG24-Abschieds-Interview: "Schon jetzt ist spürbar, dass der Druck weggeht"

Chemnitz - Vor ihrem Abschied als Oberbürgermeisterin sprach Barbara Ludwig (58, SPD) mit TAG24 über ihre 14 Jahre als Stadtoberhaupt: über Erfolge und Fehler, die schwersten und schönsten Tage im Amt, über Lampenfieber und über das, was jetzt kommt - für Chemnitz und sie persönlich.

Entspannt lässt Barbara Ludwig (58) 14 Jahre als Stadtoberhaupt Revue passieren.
Entspannt lässt Barbara Ludwig (58) 14 Jahre als Stadtoberhaupt Revue passieren.  © Uwe Meinhold

TAG24: In Ihrem Büro stehen schon gefüllte Pappkartons. Kommt Wehmut auf beim Einpacken?

Barbara Ludwig: Es ist für mich mit vielen Emotionen verbunden, in meiner Heimatstadt Oberbürgermeisterin gewesen zu sein. Ich habe schon einiges eingepackt: Fotos und zum Beispiel eine Laterne, die mir der beliebte Türmer Stefan Weber geschenkt hatte. Wehmut zum Abschied aus dem Amt kommt dabei nicht auf, weil ich das ja genauso gewollt habe. Ich erinnere mich gut an den September 2006. Ich saß am zweiten oder dritten Tag mittags hier im Büro und hatte das Gefühl, angekommen zu sein. Dass es eine Aufgabe ist, die ich kann, die ich will. Daran hat sich in den Jahren bei allen Höhen und Tiefen nichts geändert. Und jetzt ist es die richtige Zeit zu gehen.

TAG24Sie wirken gerade sehr entspannt. Wie war das, als Sie in dieses Amt gestartet sind? Hatten Sie Lampenfieber?

Barbara Ludwig: Oh, ich habe oft Lampenfieber gehabt. Viele Jahre, bei allen Auftritten, wo viele Menschen zusammengekommen sind. Spätestens zwei Stunden vor dem Ereignis hatte ich das Gefühl: Puh, muss ich da jetzt hin? Beim Rathausjubiläum 2011 stand der ganze Markt voller Menschen und ich habe beim Betreten der Bühne vor Aufregung gezittert.

OB Ludwig über ihre Fehler

Zwei Kisten hat Barbara Ludwig (58) mit Erinnerungsstücken gefüllt, darunter auch ein Wahlkampfplakat in Minaturform.
Zwei Kisten hat Barbara Ludwig (58) mit Erinnerungsstücken gefüllt, darunter auch ein Wahlkampfplakat in Minaturform.  © Uwe Meinhold

TAG24: Worauf in Ihrer Amtszeit sind Sie besonders stolz?

Barbara Ludwig: Viele Kitas und Schulen waren zu Beginn meiner Amtszeit in einem beklagenswerten Zustand. Was sich hier getan hat, inklusive der jüngsten Neubauten, ist gelungen. Ein weiteres Beispiel: Dass das Contiloch kein Loch bleibt, war mir ein zentrales Anliegen. Das Technische Rathaus hat eine riesige Narbe in der Innenstadt geschlossen. Der Brühl ist auch ein sehr schönes Beispiel. Man muss manchmal auch den Mut haben, eine Sache zum dritten Mal anzufassen. Das ist ein Projekt, wo viele beteiligt und stolz darauf sind.

TAG24: Welche Fehler gestehen Sie sich rückblickend ein?

Barbara Ludwig: Ein Beispiel ist die Geschichte mit dem Marathon-Turm im Sportforum (den die OB abreißen lassen wollte, Anm. d. Red.). Hier hat sich der Denkmalschutz durchgesetzt. Jetzt wird es der beste Olympiastützpunkt Sachsens. Als es das Konzept gab, habe ich meine Meinung geändert. Auch dass es nicht gelungen ist, für die Ansiedlung der IAV, ein Forschungsunternehmen der Automobilbranche, das gewünschte Grundstück zur Verfügung zu stellen, schmerzt mich.

OB Ludwig über ihre schwersten Tage

Im luftigen Oberbürgermeister-Büro sprach Barbara Ludwig (58) mit TAG24-Redakteurin Mandy Schneider (49) über Höhen und Tiefen ihrer Amtszeit.
Im luftigen Oberbürgermeister-Büro sprach Barbara Ludwig (58) mit TAG24-Redakteurin Mandy Schneider (49) über Höhen und Tiefen ihrer Amtszeit.  © Uwe Meinhold

TAG24: Welches war der schwerste Tag als Oberbürgermeisterin?

Barbara Ludwig: Die schwersten Tage beginnen am 26. August 2018 (der Tag, an dem Daniel H. erstochen wurde, Anm. d. Red). Es gab Menschen, die mit Daniel befreundet waren und die getrauert haben. Es gab welche, die ihre Wut auf die Straße getragen haben. Und es gab welche, die das instrumentalisiert haben. Es gab keine Chance, das alles zu differenzieren. Das war wie ein Kessel, wo jeden Tag ein neues Feuer entfacht worden ist, auch von außerhalb. Das waren einschneidende, harte Tage, Wochen.

TAG24: Worauf freuen Sie sich nach der Zeit als Stadtoberhaupt?

Barbara Ludwig: Schon jetzt ist spürbar, dass der Druck weggeht, den wichtige anstehende Entscheidungen immer verursachen. Das tut gut. Ich möchte wieder verstärkt Freundschaften pflegen und mehr Zeit für Sport haben. Ich spiele zum Beispiel gern Golf.

TAG24: Was machen Sie 2021?

Barbara Ludwig: Das weiß ich noch nicht. Und das ist genau der Plan. Ich habe eine Schule gegründet (das Chemnitzer Schulmodell, Anm. d. Red.), war Kulturbürgermeisterin, Ministerin, Oberbürgermeisterin. Jetzt nehme ich eine Auszeit, nur für mich, und dann schau ich mal, was kommt. Ich werde ab November nicht mehr Oberbürgermeisterin sein. In dieser ersten Woche fahre ich in den Urlaub. Ostsee geht immer.

TAG24: Was wünschen Sie Chemnitz für die Zukunft?

Barbara Ludwig: Längerfristige Ziele, Mut und ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Kulturhauptstadt zu werden, würde ich der Stadt ganz sehr wünschen, weil das über Generationen positiv wirken würde. 

Titelfoto: Uwe Meinhold

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