Dresden - Eine Kammeroper über Transgeschlechtlichkeit - ist das nicht ein zu "exotisches" Thema für ein Nischenpublikum? Mitnichten! "As One" von Laura Kaminsky (Musik und Konzept) und Mark Campbell & Kimberly Reed (Libretto) erzählt bewegend vom Weg der Identitätsfindung einer trans*Frau, vom eins werden mit sich selbst. Mit wenig Mitteln werden große Gefühle entfacht. Die Premiere war am Samstag auf Semper Zwei.
"As One" wurde 2014 in New York uraufgeführt, gilt als eine der meistgespielten modernen Opern Nordamerikas. In Dresden ist das Werk erst zum zweiten Mal in Deutschland und in Europa überhaupt erst zum dritten Mal zu erleben. Es basiert auf autobiografischen Erfahrungen der Schöpfer, und das merkt man.
Klassifiziert ist das Stück als Kammeroper für zwei Stimmen und ein Streichquartett. Erzählt wird der Lebensweg von Hannah, geboren als sich früh als Mädchen fühlenden Jungen (Bariton Gabriel Rollinson) hin zur Frau (Mezzosopranistin Dominika Škrabalová).
Anfangs noch vorpubertärer Zeitungszusteller, der unter der Jacke von Wäscheleinen geklaute Blusen trägt, die er mit Socken zu Brüsten ausgestopft - Mädchen bekämen schließlich auch welche - singt Rollinson: "Es fühlt sich alles richtig an".
Im nach Geschlechtern getrennten Unterricht kommt die befreiende Erkenntnis beim Gedicht "No Man is an Island" von John Donne: Er ist doch anders als die anderen, eine sie. Aber wie jetzt damit umgehen?
Die ältere Hannah beginnt eine Geschlechtsangleichung, wird erstmals als Frau gesehen, traut sich nicht mehr zur Weihnachtsfeier der Familie, flirtet mit einem Mann, wird hasserfüllt von Gewalt bedroht ("Was bist du?") bis sie sich in der Einsamkeit Norwegens endlich selbst akzeptiert.
So reagiert das Publikum
Für die Verletzlichkeit dieses Findungsprozesses findet Regisseurin Rahel Thiel sparsame, aber eindrucksvolle Bilder: Die viereckige Spielstätte ist von weißen Vorhängen umrahmt, die die Sänger immer wieder auf- und zuziehen - ihrem jeweiligen Gefühlszustand gemäß. Auf diese Vorhänge werden unter anderem auch die Namen weltweit ermordeter trans*Menschen projiziert, als Zeichen dafür, dass es mit selbstverständlicher Akzeptanz noch immer nicht weit her ist.
Im Laufe dieses auf rund 85 Minuten verdichteten Wegs zur inneren Zufriedenheit ringen die Befindlichkeiten Hannahs miteinander: Rollinson und Škrabalová zerren an sich, schleifen einander über den Bühnenboden, kämpfen gegen Umklammerungen. Die Musik wird dann naturgemäß dissonant, teils schmerzlich. Aber sie trösten sich immer wieder.
Über die meisten Teile ist diese zeitgenössische Oper angenehm zu hören, steht in der Tradition harmonischer Minimal-Music.
Das Streichquartett (ein Projektorchester unter Leitung von Naomi Shamban) setzt sowohl auf Cello (den tiefen, "männlichen" Ton) und die eher "weibliche", hohe Violine. Dazu die Bratsche, die dazwischenliegt und die irritierenden Gefühle beider Protagonisten treffend transportiert. So tritt das Streichquartett schließlich selbst erzählend ins innere Viereck der Handlung ein.
Hannahs schöner letzter Satz: "Ich gehe nach Hause als Ganzes."
Dominika Škrabalová übernimmt zunehmend den Gesangspart, am Ende singt sie über Hannah: "Sie ist frei", während Gabriel Rollinson alle Vorhänge von Semper Zwei aufzieht und das äußere Licht hereinlässt - ein herzzerreißender Regie-Effekt. Hannahs schöner letzter Satz: "Ich gehe nach Hause als Ganzes."
Beide Solisten sind überragend, erwecken im intimen Semper-Zwei-Rahmen große Emotionen. In "As One" werden sich trans*Personen wiederfinden, darüber hinaus aber auch alle Menschen, die anderweitig ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Begeisterter Jubel vom Premierenpublikum.