Mein Bruder, der Autist: Richy Müller als "Rain Man" in der Comödie
Dresden - Der Oscar-prämierte Film "Rain Man" aus dem Jahr 1988 mit Dustin Hoffman und Tom Cruise zählt zu den großen modernen Hollywood-Klassikern. Seit 2014 spielt Richy Müller in der Theateradaption die Rolle des Autisten Raymond. Jetzt ist diese Produktion (Buch: Dan Gordon, Regie: Christian Nickel) in der Comödie Dresden zu sehen - und der beeindruckende Müller reißt das Publikum zu Standing Ovations hin. Premiere war Freitag.
Charlie Babbitt (Tilman Rose) ist ein halbseidener Sportwagenhändler in Geldnot. Als sein verhasster Vater stirbt, will Charlie das Erbe antreten. Er bekommt aber nur ein paar Rosenstöcke und den Oldtimer; sieben Millionen Dollar gehen an einen anonymen Erben.
Der stellt sich als Charlies Bruder Raymond heraus, von dem er nichts wusste, der Autist ist und in einer Klinik lebt. Charlie, der unbedingt die Hälfte des Geldes will, entführt Raymond kurzerhand und entdeckt während des Roadtrips Raymonds Zahlentalent, mit dessen Hilfe sie sich an den Kartentischen in Las Vegas hohe Gewinne erzocken.
Absolut herausragend ist Richy Müller als Raymond. Kein Wunder, spielt er diese Rolle doch seit vielen Jahren. Der Schauspieler ist vor allem als Stuttgarter "Tatort"-Kommissar bekannt, den er als stillen, fast bis auf den Nullpunkt reduzierten Charakter gibt.
In "Rain Man" zeigt Müller eine ganz andere, expressive Facette seines Könnens. Dankenswerterweise versucht er nicht, den Film-Raymond nachzuahmen.
Mit ihm und nicht über ihn lachen
Dustin Hoffmann hatte die Figur introvertiert angelegt, als über weite Strecken kindlich-verschroben wirkenden Sonderling. In Müllers Darstellung wehrt sich der Autist Raymond sehr körperlich gegen äußeres Eindringen in seine abgekapselte Innenwelt.
Fast durchgängig setzt er ein zur Grimasse erstarrtes Gesicht mit weit aufgerissenem Mund ein, kombiniert mit tapsigen Trippelschritten.
Immer wieder auch schlägt er seine Hände mit spastisch zuckenden Fingern gegen ihm fremde Objekte und vor allem gegen seinen Kopf. Auf Hoffmans Manierismen - etwa ständig "Oh-oooh" zu sagen - verzichtet er völlig. Müller formt so eine eigenständige Figur, verkörpert sehr feinfühlig und glaubwürdig einen Menschen mit schwerer Behinderung. Hinter dessen enervierend wiederholten Marotten aber immer wieder auch unerwartete Gewitztheit hervorblitzt, was Lacher erzeugt.
Wobei man stets mit Raymond lacht, niemals über ihn. Und man ist bewegt, wenn Raymond ebenso unerwartete Fürsorge zeigt, etwa wenn er seinen schlafenden Bruder zudeckt.
Eine melancholische Komödie
Die Inszenierung folgt der Filmhandlung verblüffend akkurat, auch wenn manches auf der Bühne nicht umsetzbar ist: Die Las-Vegas-Szene etwa findet unsichtbar während der Pause statt. Tilman Rose ist als Charlie Babbitt ein angemessener Partner, der sich vom Ego-Ar******* zum mitfühlenden Bruder wandelt; unterstützt von Freundin Susan (zauberhaft: Mia Geese).
"Rain Man" ist eine melancholische Komödie, die ihre Lacher sparsam dosiert. Gleichwohl eine wunderbare, humanistische Geschichte, deren Happy End nicht unbedingt den Erwartungen entspricht. Dafür von einem überragenden und begeistert bejubelten Richy Müller brillant gespielt.
Titelfoto: Robert Jentzsch

