Dresden - Wie eine ganz normale Ehe entsteht und wie es mit ihr bergab geht bis zur schlimmstmöglichen Familienkatastrophe - das schildert der britische Dramaturg Dennis Kelly in seinem Stück "Girls & Boys" als 90-minütigen Monolog der Frau. Gina Calinoiu erzählt in der Regie von Felicia Daniel diese Geschichte extrem facettenreich vom derbsten Witz bis zur tiefsten Erschütterung. Premiere war am Samstag im Kleinen Haus 3.
Sie lernt ihn in der Schlange vor einem Easy-Jet-Flug kennen. Man heiratet, bekommt zwei Kinder, sie kann sich als Filmemacherin etablieren. Irgendwann verlieren sich die Partner im Alltag aus den Augen, subtile Gewalt dringt in die Dialoge, die die Frau wiedergibt. Ihr Mann weiß dem Erfolg seiner Frau nicht zu begegnen, Eifersucht keimt auf, das Geschlechterverhältnis erodiert.
Immer wieder sind erinnerte Szenen der Mutter mit ihren Kindern eingestreut: Tochter Lina formt Figuren aus Ton, Sohn Benny macht sie kaputt, Mutti muss schimpfen. Ihr Mann ist abwesend. Bis sie die Scheidung einreicht. "Jetzt kommt der heftige Teil", kündigt sie an: Der Vater bringt die Kinder um, begeht Suizid.
"Sie nennen es Familienauslöschung", sagt sie. Es komme öfter vor, als man glaubt. Meist täten es Männer. Kann sie ihn aus ihren Erinnerungen entfernen, in denen er nichts mehr verloren hat?
Calinoiu berichtet alle Details nüchtern, wie vom Schock gelähmt, bevor sie nur einmal kurz schluchzt. Das Stück fragt nach dem Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt. Finaler Satz: "Wir haben die Gesellschaft nicht für Männer erschaffen, sondern um ihnen Einhalt zu gebieten." Das ist als Gesellschaftsanalyse allerdings etwas arg pauschal.
Was dennoch fesselt: Gina Calinoiu zieht in diesem Solo bravourös alle Register, erst lustig-lapidare Lässigkeit, dann schwerste Traumatisierung - Chapeau! Kleines Stück, große Emotion.