"Bodenlos unmoralisch": Aufschrei um Verkauf von Lingnerschloss

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Dresden - Große Aufregung um die Verkaufspläne des Lingnerschlosses an private Investoren, darunter der umstrittene Multimillionär und "Sonnenkönig von Radebeul" Oliver Kreider (60)! Während aus Sicht des Insolvenzverwalters "alle wesentlichen Beteiligten ganz erheblich profitieren" würden, herrscht bei Kritikern teils blankes Entsetzen.

Das Lingnerschloss soll an private Investoren verkauft werden.
Das Lingnerschloss soll an private Investoren verkauft werden.  © imago/Sven Ellger

Ein Aufschrei geht durch die Stadtgesellschaft. "Karl August Lingner würde sich im Grabe umdrehen", kritisiert die SPD die geplante Privatisierung. "Das Schloss der Bürgerinnen und Bürger zu verscherbeln und damit auch Lingners Willen zu widersprechen, ist bodenlos unmoralisch", zürnt Stadträtin Kristin Sturm-Karls (41).

"Zwar hat der Insolvenzverwalter mitgeteilt, dass das Schloss öffentlich zugänglich bleibt, aber eine Garantie dafür gibt es nicht", mahnt sie mit Blick auf die Friedensburg in Radebeul, die Kreider zur privaten Luxus-Residenz ohne Zugang oder Gastro für die Bürger ausbaute. Außerdem kritisiert sie "die fehlende Transparenz des Verfahrens".

Auch die CDU hält diese Sorgen für "keineswegs aus der Luft gegriffen": "Das Lingnerschloss darf nicht wieder zu einem Ort werden, an dem wenige entscheiden, wer hinein darf und wer draußen bleibt.

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Schon zu DDR-Zeiten war es als 'Club der Intelligenz' vielen normalen Dresdnern verschlossen", sagt der Kreisvorsitzende Ingo Flemming (57). Linken-Fraktions-Chef André Schollbach (47) betont, das Schloss solle nicht den Interessen privater Investoren dienen, sondern dem Gemeinwohl.

Der als "Sonnenkönig von Radebeul" bekannte Multimillionär Oliver Kreider (60).
Der als "Sonnenkönig von Radebeul" bekannte Multimillionär Oliver Kreider (60).  © picture alliance / Geisler-Fotopress
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SPD-Stadträtin Kristin Sturm-Karls (41).
SPD-Stadträtin Kristin Sturm-Karls (41).  © Steffen Füssel
Laut zuständigem Insolvenzverwalter sollen Schloss und Einrichtungen wie gewohnt öffentlich zugänglich bleiben.
Laut zuständigem Insolvenzverwalter sollen Schloss und Einrichtungen wie gewohnt öffentlich zugänglich bleiben.  © Petra Hornig

BSW-Fraktions-Chef fordert bei der Vertragsgestaltung "Daumenschrauben"

AfD-Fraktionschef Steffen Hanisch (65).
AfD-Fraktionschef Steffen Hanisch (65).  © Steffen Füssel

Doch was haben die beiden reichen Investoren Kreider und Unternehmer Thomas Bohn, die 1,65 Millionen Euro für das noch 44 Jahre laufende Erbbaurecht bieten, eigentlich vor? "Kreider hat uns sein Konzept vorgestellt, eine Präsentation gezeigt", sagt AfD-Fraktions-Chef Steffen Hanisch (65).

Dabei sei es etwa um Umbau und Ausbau der Gastronomie gegangen, die Suche nach Partnern für mögliche Werkstätten für Künstler. "Von der Einrichtung von Wohnungen war keine Rede. Wir verhalten uns dazu völlig neutral. Entscheidend wird sein, wie Vertrag oder Konzept ausgestaltet werden und ob Lingners Vermächtnis aufrechterhalten wird."

BSW-Fraktions-Chef Ralf Böhme (52) fordert bei der Vertragsgestaltung "Daumenschrauben", um die Erwartungen der Stadtgesellschaft durchsetzen zu können.

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Kreider selbst verwies an den Insolvenzverwalter Lucas Flöther (51). Dessen Sprecher betonte, dass sich die Investoren auf die Vorgaben des Lingner-Testaments (siehe unten) verpflichtet hätten.

Letztes Wort hat Stadtrat

"Würde sich im Grab umdrehen": Das Mausoleum unterhalb des Schlosses ist die letzte Ruhestätte von Karl August Lingner (1861-1916).
"Würde sich im Grab umdrehen": Das Mausoleum unterhalb des Schlosses ist die letzte Ruhestätte von Karl August Lingner (1861-1916).  © Steffen Füssel

Außerdem sei der Erbbaurechtsvertrag mit der Stadt auch nach Vollzug des Übernahmevertrags für die Investoren "unverändert verbindlich".

Demnach sei die Errichtung von Wohnungen im Schloss ausgeschlossen und die Gastro im Schloss aufrechtzuerhalten, egal, ob sie wirtschaftlich betrieben werden könne, erklärt der Sprecher.

"Bei Verstößen könne die Stadt den entschädigungslosen Heimfall geltend machen, das heißt, der Käufer verliert das Schloss und seine gesamten Investitionen."

Das letzte Wort hat der Stadtrat, der voraussichtlich Anfang September nach der Sommerpause über eine entsprechende Rathaus-Vorlage abstimmen wird.

So lief das mit der Friedensburg

Die Friedensburg ist nicht mehr öffentlich begehbar, eine Gaststätte gibt es nicht.
Die Friedensburg ist nicht mehr öffentlich begehbar, eine Gaststätte gibt es nicht.  © Eric Münch

Die 1871 im Tudorstil erbaute Friedensburg gilt weithin sichtbar und umrahmt von Weinbergen als Wahrzeichen Radebeuls, wurde lange Zeit als Berg-Gasthaus und Hotel genutzt. Nach der Wende wurde das Anwesen privatisiert und der Betrieb als Gaststätte eingestellt.

Die Kommune setzte sich nach der Jahrtausendwende für einen neuen Gastrobetrieb ein, stellte einen Bebauungsplan auf. Doch der Eigentümer vor Oliver Kreider richtete stattdessen ohne Genehmigungen Wohnungen ein, wonach sich ein langer Rechtsstreit entfachte.

Kreider übernahm die Friedensburg letztlich 2014 bei einer Zwangsversteigerung, nachdem der Vorbesitzer der Edelimmobilie pleite gegangen war.

Kreider selbst stammt aus Hessen, kam mit der Wende nach Sachsen. Als Immobilienbeschaffer im großen Stil scheffelte er mit Plattenbauten und Industrieanlagen unglaublich viel Kohle, mischte in Dutzenden Firmen mit, besaß Hunderte Wohnungen.

Formfehler hatte Folgen

Radebeuls OB Bert Wendsche (62, parteilos) hat den jahrelangen Rechtsstreit als Stadtoberhaupt mitgeführt.
Radebeuls OB Bert Wendsche (62, parteilos) hat den jahrelangen Rechtsstreit als Stadtoberhaupt mitgeführt.  © dpa/Sebastian Kahnert

Die baute er auch auf der Friedensburg weiter prunkvoll aus, stellte Gästen seinen Reichtum zur Schau. Und führte auch den Rechtsstreit mit der Stadt erbittert weiter, die sich noch immer einen Gastrobetrieb wünschte.

Letztlich scheiterte die Kommune auch wegen eines früheren Formfehlers - es kam zum Vergleich und "Burgfrieden": Kreider erhielt Wohnrecht, gab im Gegenzug einen Streifen seines Grundstücks ab, wonach die Stadt einen Wanderweg und Aussichtspunkt unterhalb der mit hohen Mauern abgeschotteten Burg errichten konnte.

"Seitdem hat er alle vertraglichen Vereinbarungen eingehalten", sagte der langjährige OB Bert Wendsche (62, parteilos) gestern. Laut Anwohnern sorgen allerdings "regelmäßige lautstarke Feiern bis in die Nacht" weiter für Unmut.

Das steht in Lingners Testament

Karl August Lingner (1861-1916): Der letzte Wille Lingners liegt auch im Stadtarchiv vor.
Karl August Lingner (1861-1916): Der letzte Wille Lingners liegt auch im Stadtarchiv vor.  © Bildmontage: picture-alliance/ZB, Stadtarchiv Dresden

Im zwölfseitigen Testament von Karl August Lingner (1861-1916) kommt zum Ausdruck, dass er sich "kein Etablissement für nur reiche Leute" wünschte.

"Der Park ist der gesamten Bevölkerung zugängig zu machen; in dem Hauptgebäude evtl. auch in dem Nebengebäude ist tunlichst ein Restaurant oder Café mit billigen Preisen einzurichten. Die Preise dürfen nicht wesentlich höher sein als beispielsweise im Linckeschen Bad, im Waldschlösschen, kurz wie in großen Massenrestaurants beziehungsweise Cafés."

Allerdings ist Lingners letzter Wille natürlich Auslegungssache. Zählt ein Anwesen, das einmal im Jahr zum Tag des offenen Denkmals öffnet, als öffentlich zugänglich? Darüber würden sich im Zweifel wohl die Juristen streiten.

Titelfoto: Bildmontage: IMAGO/Sven Ellger, Steffen Füssel

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