Dresden - Nach Kriegsende 1945 gab es nur noch wenige Juden in der Stadt, die Deportation und Ermordung entgangen waren. Die laut Staatskanzlei letzte Holocaust-Überlebende aus Dresden ist Renate Aris (90), die am Dienstag in ihrer Heimatstadt mit dem Bundesverdienstorden geehrt wurde. Bis heute klärt sie über die Gräueltaten der NS-Zeit auf, erzählt ihre unglaubliche Geschichte.
Im August 1935 geboren, wuchs sie in einer Mietwohnung in Briesnitz auf. Da ihr Vater Jude war, ab 1941 Zwangsarbeit leisten musste, erlebte sie schon früh Feindseligkeit, durfte nicht in die Schule oder mit Gleichaltrigen spielen, musste sogar ihr Fahrrad abgeben.
"Bis 1945 hatte ich keine Kindheit", sagt sie. Mit sechs Jahren musste sie einen Judenstern tragen, 1942 wurden fast alle ihrer 20 Familienmitglieder aus Dresden in Konzentrationslager deportiert und getötet, darunter auch ihre Großmutter väterlicherseits. Ihre Mutter (nicht jüdisch) arbeitete beim Gemüsehändler, Kohlköpfe halfen der Familie gegen den Hunger.
Am Faschingsdienstag, dem 13. Februar 1945, wurde ihr Vater aufgefordert, sich wenige Tage später mit seinen Kindern (Renate und ihr Bruder Heinz-Joachim) am Alten Leipziger Bahnhof einzufinden.
"Uns war klar, was das bedeutet", erinnert sie sich heute zurück. Als in derselben Nacht die Bomben fielen, kämpfte sie sich mit ihrer Mutter und Bruder durch die brennende Stadt, stieg dabei über Leichen.
Renate Aris wünscht sich am Alten Leipziger Bahnhof einen "jüdischen Gedenkort"
Sie kamen schließlich bei Bekannten am Johannesweg auf dem Weißen Hirsch unter, versteckten sich dort unter falschen Namen.
Bald klingelten Nazi-Schergen, die auf der Suche nach den letzten Dresdner Juden waren. Sie durchkämmten das Haus, Renate verbarg sich in einem Ankleidezimmer hinter einem Regal voller Äpfel. "Gut riechen die", hörte Renate die Männer sagen, danach verschwanden sie.
Nach dem Krieg konnte sie endlich eine Schule besuchen. Renate erlernte den Beruf einer Damenschneiderin, absolvierte die Meisterakademie, arbeitete am Theater der Jungen Generation.
1969 zog sie nach Chemnitz, wo sie bis zur Wende die Kostümabteilung des Fernsehstudios leitete. Sie engagierte sich in der jüdischen Gemeinde, gründete 1999 den jüdischen Frauenverein, klärt bundesweit an Schulen, Unis und Kirchgemeinden über die Nazizeit und Vorurteile gegen Juden auf.
Einen Wunsch hat Renate Aris noch: "Ich wünsche mir - und dafür kämpfe ich - dass am Alten Leipziger Bahnhof ein jüdischer Gedenkort mit Bildungs- und Begegnungsstätte entsteht."
Dort, wo sie - wie zuvor schon Hunderte andere - vor 81 Jahren selbst mit dem Zug in den Tod fahren sollte ...
Auszeichnung für ihr Lebenswerk
Es ist die höchste deutsche Anerkennung für Verdienste um das Gemeinwohl: Ministerpräsident Michael Kretschmer (50, CDU) überreichte am Dienstag - stellvertretend für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (70, SPD) - den Verdienstorden der Bundesrepublik an neun Sachsen, darunter Renate Aris aus Chemnitz und Hans-Joachim Jäger (79) aus Radebeul.
Der prägte als Gründungsmitglied der Bürgerinitiative für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche und Mitunterzeichner des "Rufs aus Dresden" das weltbekannte Projekt über drei Jahrzehnte maßgeblich.
Glückwünsche erhielten beide auch von OB Dirk Hilbert (54, FDP), der an der Feierstunde in der Staatskanzlei teilnahm.