Ergreifender Moment: Dresdner Kunsthistoriker erhält Bundesverdienstkreuz

Dresden - Gilbert Lupfer (73) ist im Ruhestand, aber doch nicht ganz. Weiterhin berät er die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), obendrein betreut er Doktorarbeiten im Fach Kunstgeschichte an der TU. Lupfer lebt in Dresden. Bedeutung gewonnen hatte der 1955 in Stuttgart geborene Kunsthistoriker als Leiter des "Daphne-Projekts" für Provenienzforschung der SKD und Leiter des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg. Für seine Tätigkeit erhielt Lupfer im Juni eine große Ehrung. Wir sprachen mit ihm.

Gilbert Lupfer (73) bei den Säulen der Schinkelwache, im Hintergrund das Residenzschloss, sein ehemaliger Arbeitsplatz.  © Norbert Neumann

TAG24: Herr Lupfer, am 12. Juni wurden Sie von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Wie fühlt sich das an?

Gilbert Lupfer: "Als ich den Brief mit der Mitteilung öffnete, war ich erst mal total überrascht. Dann habe ich mich sehr gefreut. Und dann erinnerte ich mich daran, dass mein ehemaliger Chef bei den SKD und Freund, der viel zu früh verstorbene Martin Roth, 2016 auch das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam (in einer höheren Rangstufe, Anm. d. Red.)."

TAG24: Geehrt wurden Sie für Ihre Verdienste im Bereich Provenienzforschung und Kulturgutverluste - welchen Stellenwert haben diese Aufgaben in der Museumswelt der Gegenwart?

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Gilbert Lupfer: "Als einige Museumsleute Anfang der 2000er-Jahre mit Provenienzforschung zum NS-Kulturgutraub begannen, wurden sie von ihren Kolleginnen und Kollegen irritiert beobachtet, waren sie doch der Überzeugung, dass Kunstwerke am besten im Museum aufgehoben sind, ganz egal, wie sie dahin kamen. Diese Haltung ist inzwischen weitgehend verschwunden. In vielen Museen ist Provenienzforschung heute selbstverständlich."

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Gilbert Lupfer: "Ich war seit 2002 in einem selbst entwickelten [...] Forschungsprojekt der SKD tätig"

Gilbert Lupfer erhält von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (61) das Bundesverdienstkreuz.  © BKM / Christina Czybik

TAG24: Ihre Laufbahn ist eng verknüpft mit Dresden. Bevor Sie 2020 hauptamtlich das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg übernahmen, haben Sie das Rechercheprojekt "Daphne" an den SKD entwickelt, mit dessen Hilfe der Museumsverbund die Herkunft seiner Werke bestimmen konnte. Notwendig geworden war Daphne durch die Restitutionsforderungen der Wettiner an den Freistaat Sachsen und die überraschende Erkenntnis im Museum: Wir wissen gar nicht, auf welche Weise viele unserer Objekte in die Sammlung geraten sind! Wie kamen Sie bei dieser Sache ins Spiel?

Gilbert Lupfer: "Ich war seit 2002 in einem selbst entwickelten, von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanzierten Forschungsprojekt der SKD tätig, zusammen mit dem Historiker Thomas Rudert, in dem wir die Geschichte der Dresdner Sammlungen von 1918 bis 1989 untersuchten - eine Geschichte, die die historischen Verwerfungen und Umbrüche dieser Jahrzehnte spiegelt. Als 2005 die Wettiner ihre ersten Forderungen erhoben, wurde schnell klar, dass intensive Recherchen notwendig waren. Gleichzeitig zeigte sich, wie wichtig die digitale Erfassung des Bestandes der SKD war. Einige Kollegen entwickelten gemeinsam mit Dresdner Firmen eine Museumsdatenbank. Der Druck weiterer Wettiner Forderungen, aber auch anderer drängender Herkunftsfragen beschleunigte die Dinge, sodass wir 2008 das 'Daphne-Projekt' mit Unterstützung des Freistaates Sachsen starten konnten. Dessen Leitung habe ich übernommen."

TAG24: Das "Daphne-Projekt" war beispielgebend. Kann man sagen, dass Sie die systematische Provenienzforschung in Deutschland begründet haben?

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Gilbert Lupfer: "Die SKD waren zwar nicht das erste Museum in Deutschland, das Provenienzforschung betrieben hat. Aber der Ansatz, systematische Provenienzforschung, die fotografische und datenmäßige Erfassung des Bestandes in einer Datenbank, die Inventur sowie eine Online-Collection für externe Nutzer zu verbinden, war damals neu - nicht nur in Deutschland. Damit wurden die SKD zu einem internationalen Vorreiter, an dem sich viele Museen orientiert haben."

Gilbert Lupfer: "Eine weitere Sorge ist der politische Trend, Provenienzforschung für überflüssig anzusehen"

Das Bundesverdienstkreuz wir vorrangig bei herausragenden Leistungen übergeben. (Symbolfoto)  © Patrick Pleul/dpa

TAG24: Wie ist der Stand heute in der Provenienzforschung? Im Vordergrund stand zunächst das Nazi-Unrecht.

Gilbert Lupfer: "Die Aufgabenfelder haben sich beträchtlich erweitert. Im Zentrum steht immer noch die Suche nach sogenanntem NS-Raubgut. Für Museen im Osten Deutschlands war und ist die Frage der Kriegsverluste (manchmal verkürzt als 'Beutekunst' bezeichnet, Anm. d. Red.) aktuell. Dazu kommen die Enteignungen in der Sowjetischen Besatzungszone im Rahmen der Bodenreform sowie der Entzug von Kulturgütern in der DDR. Auch der Raub unter kolonialen Verhältnissen spielt heute eine wichtige Rolle. Ein breites Spektrum an Unrechtskontexten also."

TAG24: Was kann die Provenienzforschung leisten und was nicht?

Gilbert Lupfer: "Wir haben in den letzten zwei Jahrzehnten gesehen, wozu sie in der Lage ist, dass sie anfangs unlösbar erscheinende Fälle in akribischer detektivischer Kleinarbeit lösen konnte. Das betrifft nicht nur unrechtmäßigen Besitz im Museum, sondern auch Verluste der Museen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg. Vielleicht werden sich die Recherchen durch den Einsatz sogenannter Künstlicher Intelligenz zukünftig noch vereinfachen. Andererseits stößt Provenienzforschung an Grenzen: Oft gibt es nach Jahrzehnten keine Unterlagen mehr."

TAG24: Wegen Geldknappheit werden überall öffentliche Etats zusammengestrichen. Haben Sie Sorge, dass darunter die Provenienzforschung leidet?

Gilbert Lupfer: "Ja, das ist eine große Sorge. Bei den SKD konnte durch ein vorbildliches Bekenntnis zu ihrer Notwendigkeit verhindert werden, dass nach dem Auslaufen des 'Daphne-Projekts' auch die Provenienzforschung endet. Doch ich sehe bei vielen Museen die Gefahr, dass sie sich diese eigentlich unverzichtbare Forschung bald nicht mehr leisten können. Schon bisher ist es ja vielen kleinen Häusern nur mit finanzieller Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste möglich. Eine weitere Sorge ist der politische Trend, Provenienzforschung für überflüssig anzusehen. Das ist beispielsweise dem Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt zu entnehmen, die den Anspruch erhebt, dieses Bundesland zu regieren. In deren Weltbild passen die Aufklärung des NS-Unrechts und der Kolonialgeschichte nicht."

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