Keine Förderung mehr von der Stadt: Das projekttheater in Existenznot
Dresden - Die Stadt Dresden hat die Fördermittel für Kultur drastisch zusammengestrichen, manche Institution bekommt gar nichts mehr und könnte in Existenznot geraten, wie etwa das projekttheater. TAG24 hat mit Geschäftsführer Dirk Strobel gesprochen.
TAG24: Herr Strobel, die Förderung 2026 für das projekttheater ist von der Kulturverwaltung auf null gesetzt. Wie viel Geld fehlt Ihnen nun?
Dirk Strobel: "Wir haben drei Anträge eingereicht. Einmal auf institutionelle Förderung in Höhe von 60.000 Euro, einmal auf Projektförderung in Höhe von 10.000 Euro und einmal die bereits 2024 grundsätzlich bewilligte dreijährige Konzeptionsförderung [die man innerhalb der drei Jahre jährlich neu beantragen muss, Anm. d. Red.].
Keiner der Anträge wurde bewilligt. Ich bin Realist und habe nicht damit gerechnet, die institutionelle Förderung zu erhalten und letztlich aufgrund der Haushaltslage auch die Projektförderung.
Dass ich nun aber auch die Konzeptionsförderung nicht bekomme, wirft mich mehrfach zurück, da diese ja im Grundsatz bereits bewilligt wurde und für den Hauptförderer, den Freistaat Sachsen, ein Bekenntnis der Stadt zum Theater und als Mitfinanzierung Voraussetzung für die Landesförderung ist. Die 10.000 Euro waren also bereits verplant."
TAG24: Wie hoch ist der Etat, wie hoch war der Anteil der städtischen Förderung bisher?
Strobel: "Das Theater hat einen Jahresetat von etwa 450.000 Euro. Dieser setzt sich zusammen aus der institutionellen Förderung durch den Freistaat Sachsen in Höhe von 241.400 Euro und durch von uns selbst eingeworbene Drittmittel und durch selbst erwirtschaftete Mittel wie Vermietung, Ticketeinnahmen, Spenden.
Es gibt keine institutionelle Förderung durch die Stadt Dresden. In diesem Jahr wurden bisher auch die beantragte Projekt- und die Konzeptionsförderung abgelehnt. Wir hoffen, wieder etwas Projektmittel aus den Mitteln der Stadtbezirke zu erhalten."
Dirk Strobel: "Die Möglichkeiten, selbst Mittel zu erwirtschaften, haben wir vollständig ausgeschöpft"
TAG24: Lässt sich das Finanzloch aus anderen Quellen stopfen?
Strobel: "Wir suchen gerade nach Stiftungsmitteln und Möglichkeiten, bestimmte Arbeitsbereiche stärker auszubauen, aus denen wir wiederum andere Projektmittel erhalten könnten. Wobei diese Finanzierungen immer nur projektbezogen vergeben werden und wir nicht den Betrieb des Theaters an sich darüber finanzieren können. Die Möglichkeiten, selbst Mittel zu erwirtschaften, haben wir vollständig ausgeschöpft - immerhin bringen wir selbst eben fast 50 Prozent ein."
TAG24: Was bedeutet die Geldknappheit für den Spielbetrieb?
Strobel: "Das hat nun zwei Dimensionen. Die Konzeptionsförderung umfasste ja Gelder für die Entwicklung von Formaten, das sind unsere Residenzen und drei Nachwuchs- und Koproduktionsprojekte sowie ein Projekt mit Stadtteilbezug. Diese Projekte sind so ein wenig die DNA des projekttheaters.
Die sind nun so nicht mehr möglich. Die noch entscheidendere Dimension ist aber, dass deutlich wird, dass es seitens verschiedener politischer Akteure anscheinend kein Interesse gibt, das projekttheater zu erhalten."
TAG24: Woran machen Sie das fest?
Strobel: "Der Freistaat hat vor, ab 2027 die Förderung entscheidend zu reduzieren mit der Erwartung, dass die Landeshauptstadt den fehlenden Betrag übernimmt. Und das Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus hat klargemacht, dass es auch bereits jetzt ein Engagement der Stadt sehen möchte, um weiter zu fördern.
Wir sind nun mal ein Theater in Dresden und wirken stark hier, das erscheint plausibel. Das wissen auch die Mitglieder des Kulturausschusses. Und trotz dieses Wissens hat man gegen jegliche Förderung entschieden. Sollte es dabei bleiben, stehen wir 2027 ohne Förderung da und müssten schließen. Trotz allem sind wir aber kämpferisch und wollen den Kopf nicht in den Sand stecken."
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Dirk Strobel: "Wollen wir, dass es uns in Zukunft besser geht, müssten wir hier investieren, statt zu kürzen"
TAG24: Was wollen Sie tun?
Strobel: "Wir suchen das Gespräch und prüfen verschiedene Möglichkeiten, um das Schlimmste zu verhindern. Es gibt zahlreiche sehr gute Gründe, weswegen das projekttheater erhaltenswert ist.
Das eine ist unsere Geschichte: Wir sind mit Gründung im März 1990 die älteste Off-Bühne Sachsens, das Theater ist ein Kind der Wende und des Aufbruchs, es wurde in zahlreichen Stunden ehrenamtlichen Engagements aufgebaut, es ist ein Ort der bürgerlichen Selbstermächtigung.
Das andere ist unsere Arbeit heute, die fehlen würde: 140 Vorstellungen mit etwa 8000 Besuchenden, zwölf verschiedene Kurse im Bereich Tanz und Theater mit circa 100 Teilnehmenden, die Schulzusammenarbeiten, unsere Nachwuchsarbeit, das deutschlandweit einzigartige Festival für inklusiven Tanz, der einzige Ausbildungsort für die Methode Jeux Dramatiques im ganzen Osten der Republik, regionale, nationale und internationale Künstler*innen und Ensembles, die bei uns arbeiten und auftreten - die Liste ist lang und soll eigentlich länger werden. Wir denken für die Zukunft."
TAG24: Die kommunale Finanznot ist unbestreitbar, fast alle Kultureinrichtungen müssen Einsparungen hinnehmen. Was kann - soll - eine Stadt tun, wenn sie kein Geld hat?
Strobel: "Nun ja, darüber kann man schon streiten. Es ist schon eine Frage der Prioritätensetzungen, wofür Geld ausgegeben wird und wer wo wie viel sparen soll.
Bildung, Soziales, Kultur - das sind Bereiche, die unsere Zukunft bestimmen und bei denen Sparen fatal wird, weil die Folgen massiv sind. Diese drei Bereiche produzieren den gesellschaftlichen Kitt, bieten Verständigungsmöglichkeiten und Perspektiven.
Wollen wir, dass es uns in Zukunft besser geht, müssten wir hier investieren, statt zu kürzen. Dafür kann man andere Projekte vielleicht kleiner gestalten, warten lassen oder sich ganz davon verabschieden."
Titelfoto: Fotomontage/Holm Helis

