Als noch Mammuts und Neandertaler durch Prohlis zogen: Die Eiszeit-Schätze des Dresdner Knochenjägers

Dresden - Ein Blick 50.000 Jahre zurück, in die Eiszeit. Zwischen Plauenschen Grund, Prohlis und Dohna erstreckt sich entlang der Endmoräne eine eisige Steppe. Wo heute Plattenbauten stehen, ist ein Mammut unterwegs. Vielleicht auch ein Riesenhirsch oder ein Wollnashorn. Fette Beute für Neandertaler. Diese Geschichte setzt sich wie ein Puzzle im Kopf des experimentellen Archäologen Mario Sempf (57) zusammen.

Der experimentelle Archäologe Mario Sempf (57) sucht nach Beweisen, die Prohlis als Jagdrevier der Neandertaler ausweisen.  © Eric Münch

Ein Großteil dieses Bildes verdankt Sempf einem Mann, der 1966 auf der Suche nach Stoßzähnen und Gebeinen ums Leben kam. Der heute zu Unrecht nahezu vergessene Sammler Karl Opp verunglückte vor 60 Jahren in einer alten Ziegeleigrube in Prohlis.

"Er hinterließ eine riesige prähistorische Sammlung", weiß Sempf. Seit 1927 hatte Opp auf seinen täglichen Ausflügen aufgehoben, gegraben, fein säuberlich aufgelistet. Er fand seine Schätze in den bis zu 15 Meter tiefen Ziegelgruben.

"Eigentlich wollte er nur schöne Steine für sein Aquarium suchen", schmunzelt Sempf. Doch der Metalldrücker entdeckte Mammutbackenzähne, Geweihstücke, Gelenkknochen. Das Tragische daran: Die Fachwelt nahm den Laien nicht ernst.

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Schlimmer noch: "Seine Sammlung verschwand. Es wird erzählt, dass die Polizei zu DDR-Zeiten seine wertvollen Stücke einkassierte. Vielleicht wurden die Knochen für harte Devisen in den Westen verkauft", mutmaßt Sempf. Zurück blieben nur Listen, Aufzeichnungen, alte Fotos.

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Kaum vorstellbar: Vor 50.000 Jahren lebten Mammuts auf dem heutigen Stadtgebiet von Dresden  © imago/imagebroker
Sammler Karl Opp (1890-1966) forschte auch über den "Gelehrten Bauern" Johann Georg Palitzsch.  © Repro: Eric Münch
Mario Sempf und ein Mammutstoßzahn aus Prohlis, der in der Senckenberg-Sammlung (nicht öffentlich) aufbewahrt wird.  © privat

Archäologe Mario Sempf sicher: "Prohlis war ein Jagdgebiet der Neandertaler"

In der Kunathschen Grube (in Prohlis) wurde in den 20er Jahren dieses Mammutbecken gefunden. Der Knochen verschwand - die Grube ist heute ein Teich.  © Repro: Eric Münch

"Es gibt nur noch sehr wenige Fundstücke Opps, die heute in den Depots diverser Sammlungen ein trauriges Dasein fristen", fand Sempf heraus.

Als ab 1975 - nur 100 Meter von den alten Ziegelgruben entfernt - das Neubaugebiet Prohlis entstand, "wurde einfach alles weggebaggert", bedauert Sempf, dass Opps Erbe nicht fortgesetzt wurde. "Ein paar Siedlungsscherben kamen ans Licht, aber für Eiszeitfunde wurde nicht tief genug das Erdreich ausgehoben."

Dabei ist er sich sicher: "Prohlis war ein Jagdgebiet der Neandertaler" - dafür sprechen Parallelfunde wie ein Feuerstein aus dem Plauenschen Grund, mit dem Neandertaler ihr erlegtes Wild zerteilten, oder der 2015 am Zelleschen Weg entdeckte Mammutstoßzahn.

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"Da in Dresden niemand die Geschichte der Eiszeit erzählen will, plane ich jetzt ein Buch, und im Prohliser Palitzsch-Museum soll eine Ausstellung an Karl Opp erinnern", so der 57-Jährige.

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