"As One": Semper Zwei spielt Oper über Geschlechtsangleichung - Dresdner trans*frau Romy hat eine Probe besucht

Dresden - Am 20. Juni hat "As One" Premiere auf Semper Zwei. Die zeitgenössische US-Kammeroper erzählt von Hannah, einer jungen trans*Frau, und ihrem Weg zur Selbstfindung. Die Dresdnerin Romy Jähne (71), ihrerseits trans*Frau, hat all das selbst erlebt. TAG24 hat sie bei einem Probenbesuch der Oper begleitet. Findet sie sich wieder?

Die Dresdnerin Romy Jähne (71) vor Semper Zwei.  © Holm Helis

"As One" (Musik und Konzept: Laura Kaminsky, Libretto: Mark Campbell & Kimberly Reed) wurde 2014 uraufgeführt und zählt seitdem zu einer der meistgespielten neuen Opern in Nordamerika.

In Europa ist es jetzt die erst dritte Station; nach einer Inszenierung in Regensburg 2023 zeigt die Semperoper "As One" zum zweiten Mal in Deutschland.

Das Stück transportiert große Gefühle im intimen Rahmen: ein Streichquartett, ein Bariton (Gabriel Rollinson), eine Mezzosopranistin (Dominika Škrabalová).

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Beide verkörpern die zweigeteilte Existenz von Hannah von der (männlichen) Kindheit ins Erwachsensein. Eine Passage durch Anforderungen an Geschlechternormen, Sehnsüchte, Selbstzweifel, der Freude, als Frau wahrgenommen zu werden, der Qualen der Hormonbehandlung, Ablehnung und Gewaltandrohung - bis sich Hannah im bewegenden Finale eins mit ihrem Körper fühlt.

Die Dresdnerin Romy hat 2017 und 2018 in München ihre geschlechtsangleichenden Operationen vornehmen lassen. Fühlt sie sich in diesem Stück gespiegelt?

"Ja, ich sehe viele Parallelen." Die meisten Menschen wie sie hätten ähnliche Erfahrungen gemacht. Einziger Unterschied: "Die Figur in der Oper zog es direkt durch, hatte nicht den langen Leidensweg."

Romy wurde 1954 als Bernd geboren und hat die meiste Zeit ihres öffentlichen Lebens als Bernd verbracht. Anders als viele Transpersonen lehnt sie ihren Geburtsnamen nicht als "Deadname" ab: "Manche wollen mit ihrer Vergangenheit brechen, ich nicht. Es ist ein Teil meines Lebens."

Die heute 71-Jährige lernte einst Elektromonteur, arbeitete - vom NVA-Dienst unterbrochen - bis zur Wende in der Wismut unter Tage.

Später Umschulung zum Ver- und Entsorger, danach war sie über verschiedene Stationen seit 1996 in einem großen Halbleiterwerk beschäftigt, bis ihr Altersteilzeit angeboten wurde. Am letzten Arbeitstag sagte sie ihren Kollegen: "So wie jetzt seht ihr mich nicht wieder." Erst dann, sagt Romy, konnte sie ihren Werdegang "relaxt durchziehen".

In der Oper empfindet sich Hannah mit zwölf Jahren erstmals als weiblich. Romy ging das ähnlich: "Ich war acht oder zehn Jahre alt, da habe ich im Kleiderschrank meiner Mutter gewühlt."

Es passte nur nie, High Heels musste sie mit Wollknäueln ausstopfen. Die Mutti fand dann einen stibitzten Rock: "Sie stellte mich zwar zur Rede, aber danach war es nie wieder Thema."

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Romy offenbarte sich nach Jahrzehnten des Versteckens

Jetzt bin ich frei: Die Kammeroper "As One" mit Gabriel Rollinson (Bariton) und Mezzosopranistin Dominika Škrabalová erzählt vom Einswerden einer trans*Person.  © Klaus Gigga

Ob ihre Eltern jemals Wind von ihrer wirklichen Existenz bekommen haben, weiß Romy nicht. Möglich wäre es: In den 80er-Jahren war sie in Frauenkleidern im Auto unterwegs und geriet nachts in eine Verkehrskontrolle.

Die Beamten zwangen sie, sich umzuziehen. Romys Vater war selbst Polizist, er hätte es durch die Kollegen erfahren müssen - doch es fiel nie ein Wort.

Als Bernd heiratete Romy schließlich seine/ihre Freundin, das Paar bekam zwei Kinder. Ihre weibliche Seite habe sie immer vor Frau und Kindern versteckt. Allein zum Fasching ging sie als Frau. Bis ihre erste Frau sich scheiden ließ - sie habe einen männlicheren Mann gefunden.

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Mit ihrer zweiten Frau, die zwei Kinder mitbrachte, habe Romy dann nach Umwegen einen Kompromiss gefunden: "Wenn die Kinder nicht da waren, durfte ich Frau sein, sonst war ich Bernd."

Ihre Identität lebte Romy also im Geheimen aus, nur in den eigenen vier Wänden. Selten wagte sie sich nachts als Frau aus dem Haus. Eine Begegnung mit jungen Männern habe ihr mal "eine dicke Lippe und einen losen Zahn" eingebracht. Gewalterfahrungen, die sie heute abgeklärt als "Episoden" bezeichnet.

Erst spät, 2003, fand Romy zum Dresdner Verein Trans-ID und dem Atelier Changeable: "Das war der Anlauf für alle, die als Frau rausgehen wollten." Transen, Lesben, Schwule - alle konnten dorthin. Ein Stammtisch zum Austausch für Gleichgesinnte wurde geboten, Partys und Schminkkurse.

Eine Offenbarung nach Jahrzehnten des Versteckens: "In DDR-Aufklärungsbüchern war immer von Transvestiten die Rede. Das aber mochte ich nicht, das waren Männer, die als Frau verkleidet herumliefen." Sie aber wollte immer nur als Frau wahrgenommen werden, nicht als "schrilles Wesen".

Als ihre zweite Frau starb und auch eine weitere Partnerin sie verließ, stand die Frage im Raum: "Soll ich Romy sterben lassen und als Mann leben?" Doch das wäre nicht gegangen, "es" käme ja immer wieder. Lieber verzichtete Romy auf eine Partnerschaft und wollte richtige Frau werden.

Es folgte der lange Weg: Psychotherapien, Hormonbehandlungen, viele Gutachten und das Ringen mit der Krankenkasse zur finalen OP. Anders als in der Oper hat Romy ihren Lebensweg aber nicht als Verzweiflung erlebt. Allein dass einer ihrer Söhne sie erst ablehnte, dass es Streit gab, Funkstille, dann Entschuldigung - das bewegt sie bis heute.

Auf die Inszenierung des Opern-Finales angesprochen (das hier nicht gespoilert werden soll) leuchten Romys Augen: "Ja, da habe ich mich wiedergesehen." Sie spürte ihre früheren Gefühle: "Nach allem Hadern waren die Zwänge weg, ich war Romy und fühlte mich im Leben angekommen."

Seitdem ist sie mit sich im Reinen. Und hatte ein spätes Happy End: Ihre letzte Partnerin kam zurück und akzeptierte sie. "Seit letztem Jahr sind wir verheiratet", sagt Romy und strahlt.

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