Ibsens "Nora" begeistert bei der Premiere

Dresden - Empowerment bezeichnet Selbstermächtigung, meint oft den Ausbruch von Frauen aus gesellschaftlichem Korsett mit dem Ziel der Autonomie jenseits männlich-patriarchaler Strukturen. Den Prototyp solch einer Frau schuf Henrik Ibsen 1879 in "Nora (oder Ein Puppenheim)". Regisseur Tom Kühnel verlinkt das bürgerliche Drama durch feministische Rap-Splitter mit dem Heute - eine vorzügliche Neuinszenierung! Die Premiere war am Samstag im Schauspielhaus.

"Bin Mensch, keine Puppe": Nora wird ihren entsetzten Mann verlassen.  © Sebastian Hoppe

Den Beititel "Puppenheim" gibt es nicht mehr, schließlich ist hier die Frau (scheinbar) nicht in einen bürgerlichen Käfig "gesperrt" und von ihrem respektablen Mann als hübsch-repräsentative Trophäe zu Küchenarbeit und Kindererziehung angehalten.

So einfach macht es sich Tom Kühnel in seiner Ibsen-Interpretation nicht. Auch die feine Stube ist gewichen: Bühnenbildner Jo Schramm hat stattdessen die Fassade des Wohnhauses wie einen wehrhaften Schlossturm auf eine mit Bordüren verzierte Drehbühne gesetzt, die bisweilen unterm Sternenhimmel kreist, mit den Protagonisten in klassischen Kostümen (von Ulrike Gutbrod).

Handlung und Personal sind aufs Notwendigste zugespitzt: "Shopping Queen" Nora Helmer fälschte einst eine Unterschrift, um von Nils Krogstad einen Kredit zu bekommen, der ihrem Mann Torvald eine lebensrettende Kur finanzierte. Der wird nun Bankdirektor und will Krogstad entlassen, weshalb dieser Nora zu erpressen beginnt. Ergänzend treten der todkranke, in Nora verliebte Hausfreund Dr. Rank auf sowie Noras frühere Freundin Christine Linde, die Krogstads Job in der Bank bekommen soll.

Dresden Kultur & Leute Eigentlich ist bei Dresdens "Bibos" alles top, bloß eine Sache nervt

Karina Plachetka überstrahlt das Ensemble, schillernd zwischen Lebenslust, Koketterie, Wut und Verzweiflung bei mitreißender Musik (Matthias Trippner). Viel stiller Viktor Tremmel als ihr Gentleman-Gatte, der gar nicht ahnt, wie sehr er seine Frau verletzt hat. Fein-ironisch Thomas Eisen als Dr. Rank, der Nora anfangs als "Genussbild ihres Mannes" zeichnet.

Lukas Vogelsang gestaltet den undankbaren Part des Unsympathen Krogstad einnehmend inbrünstig, Betty Freudenberg brilliert als Christine mit großer Lust an rustikal-burlesker Komik.

Anzeige

Schauspielhaus Dresden: Welche Szene zum Höhepunkt wird

Nora Helmer (Karina Plachetka) tanzt in Unterwäsche zur Gitarrenbegleitung von Dr. Rank (Thomas Eisen, r.). Ehemann Torvald (Viktor Tremmel) und Freundin Christine (Betty Freudenberg, l.) sehen zu.  © Sebastian Hoppe

Das emanzipatorische Element blitzt immer wieder für Sekunden auf, wenn die Frauen ironisch zu feministischen Rap-Songs mimen, etwa "Eine gute Frau" (2023) von Nura: "Ich bin eine gute Frau, ich hör auf meinen Mann. / Ich kann so viel lern'n, weil er alles kann. / Er macht die Lesben wieder hetero, denn jeder braucht'n Schwanz. / Wenn ich nicht ficken will, dann darf er trotzdem ran."

Dann tanzt Nora in Unterwäsche eine Tarantella zu "Don't Let Me Be Misunderstood", von Eisens Dr. Rank an der Gitarre in blutrotem Licht begleitet.

Diese Empowerment-Blues-Ballade der schwarzen US-Bürgerrechtsikone Nina Simone war später in der - hier eingespielten - Disco-Variante von Santa Esmeralda in Quentin Tarantinos Rache-Epos "Kill Bill" zu hören, seinerseits ein Empowerment-Film.

Dresden Kultur & Leute Der Lichtbildner von Loschwitz: August Kotzsch und sein Werk im Leonhardi-Museum

Die Szene erwies sich als mit heftigem Szenenapplaus bedachter Höhepunkt dieser "Nora"-Aufführung. Ein zweiter ist das intensiv geführte, "erste ernste" Gespräch der Eheleute Helmer am Ende, in dem Torvald seiner Frau wie nebenbei ihren Betrug vergibt, bevor Nora den ihr "fremden Mann" in Pflicht zu sich selbst verlässt: "Du hast mich nie verstanden, du hast mich nie ernst genommen."

Begeisterter Jubel für ein fulminantes Stück. Klassisches Theater, zeitgemäß, ergreifend, höchst unterhaltsam - toll.

Mehr zum Thema Dresden Kultur & Leute: