Mehl, Wasser und ganz viel Tradition: Sachsens "himmlische" Backstube der Hostien
Dresden - Es riecht wie in einer ganz normalen Bäckerei - und doch ist dieser Ort einzigartig. In der Dresdner Neustadt steht die einzige Hostienbäckerei Mitteldeutschlands, verborgen im alten Pfortenhaus der Diakonissenanstalt und doch von großer Bedeutung für Gemeinden weit über Sachsen hinaus. Hier entstehen Jahr für Jahr bis zu einer Million kleine Oblaten für das Abendmahl.
"Am Ende ist es ganz schlicht - Mehl und Wasser. Aber das, was daraus wird, hat für viele Menschen eine große Bedeutung", sagt Maria Selle (59), die eigentlich Paramentikerin (Textilkünstlerin) ist.
In der Backstube arbeitet ein eingespieltes Team: Carola Schmiedt (61), seit über 30 Jahren dabei und gehörlos, steht an den heißen Backeisen. Tom Brietenhagen (27) übernimmt das Ausstanzen der Hostien. Jeder Handgriff sitzt, oft ohne viele Worte.
Meist werden gleich große Mengen verarbeitet – etwa acht Kilo Mehl und zehn Liter Wasser. "Kelle für Kelle kommt der Teig ins Backeisen und wird dort bei 140 Grad etwa zwei Minuten gebacken."
Die Geräte erinnern an Waffeleisen, sind aber fest verriegelt, damit alle Hostien exakt gleich dick werden. Pro Backvorgang entstehen 70 Stück - 69 kleine und eine große, mit Motiven wie Kruzifix oder Siegeslamm.
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Hostien werden bis nach Österreich geliefert
Nach dem Backen folgt Feinarbeit: "Über Nacht kommen die Platten in einen feuchten Raum. Je nach Witterung dehnen sie sich ein bisschen aus, dann lassen sie sich besser stanzen."
Erst danach werden die Hostien ausgestanzt, gezählt und sorgfältig verpackt. Selbst die Reste werden weiterverarbeitet: Seit einigen Jahren werden daraus Kekse - süß oder herzhaft, verkauft im Internet oder in Caféterien.
Rund 800.000 Hostien entstehen hier im Jahr, in Spitzenzeiten waren es sogar über eine Million. Besonders vor Weihnachten, Ostern und zur Konfirmationszeit steigt die Nachfrage deutlich.
Geliefert wird vor allem nach Sachsen, aber auch in andere Bundesländer und sogar nach Österreich.
Kommentar: Die Wucht des Unscheinbaren
Von Benjamin Schön
Es ist leicht, Hostien als etwas Kleines zu übersehen. Dünn, eigentlich vollkommen unscheinbar und komplett geschmacklos. Und doch steckt in ihnen eine Wucht, die weit über das hinausgeht, was man sieht oder riecht.
Denn Orte wie die Hostienbäckerei in Dresden zeigen, was heute oft verloren geht: ein kleines Handwerk mit echter Bedeutung. Hier wird nicht einfach produziert, hier wird mit Hingabe gearbeitet - mit einer Ruhe und Präzision, die in einer lauten, schnellen Welt fast fremd wirkt. Aus nichts weiter als Mehl und Wasser entsteht ein Symbol, das für viele Gläubige nicht wegzudenken ist.
Und gleichzeitig sind diese Backstuben stille Gegenentwürfe zu einer Welt der Beschleunigung. Alte Stanzeisen, Techniken, die seit Generationen bestehen, und Arbeitsschritte, die Fingerspitzengefühl verlangen. Das ist keine industrielle Massenware, auch wenn hier Hunderttausende Hostien entstehen. Es ist gelebte Tradition.
Besonders stark ist auch eine andere Botschaft: Inklusion. Dass gehörlose Menschen oder Mitarbeitende mit Behinderung selbstverständlich Teil dieses Prozesses sind, ist kein Nebenaspekt - es ist ein Zeichen. Hier zählt nicht Perfektion im klassischen Sinne, sondern Verlässlichkeit, Können und Vertrauen.
So verbindet eine Hostienbäckerei scheinbar Gegensätzliches: uralte Rituale und moderne Anforderungen, Spiritualität und Alltag, Handwerk und soziale Verantwortung. Vielleicht liegt genau darin ihre stille Kraft, die hoffentlich noch viele Jahre bestehen bleibt.
Titelfoto: Steffen Füssel

