Ohne Sorgen leben, geht das? Interview mit Ahmad Mesgarha über sein neues Soloprogramm zu Stefan Zweig
Dresden - "Die Kunst, ohne Sorgen zu leben" ist ein Buch mit letzten Aufzeichnungen von Stefan Zweig (1881–1942), der nach der Flucht aus Nazi-Deutschland freiwillig aus dem Leben schied. Der Buchtitel gibt auch dem neuen Soloprogramm des Dresdner Schauspielers Ahmad Mesgarha (63) seine namentliche Kennung. Premiere ist am Donnerstag (9. April) in Hoppes Hoftheater.
TAG24: Herr Mesgarha, gibt es einen Satz Stefan Zweig betreffend, der Ihnen besonders wichtig ist?
Ahmad Mesgarha: Ja, es gibt da einen Satz, der auf den ersten Eindruck gar nicht so besonders scheint, weil er so selbstverständlich klingt, doch ist er für meine Art zu denken sehr wichtig geworden. Der Satz, der von Martin Buber stammt und häufig auch mit Zweig in Verbindung gebracht wird, lautet "Alles im Leben ist Begegnung." Er entfaltet sich in mir immer wieder aufs Neue. Ich habe mit diesem Satz gelernt, auf die Dinge des Lebens zuzugehen, und mich mit dem Moment auseinanderzusetzen, so wie er mir begegnet. Schranken, Vorurteile, auch Ängste lassen sich besser bewältigen, wenn man sich auf Begegnungen einfach einlässt.
TAG24: Ihr neues Soloprogramm (mit der Band Triozean) über Stefan Zweig heißt "Die Kunst, ohne Sorge zu leben". Haben Sie ein Rezept gefunden? Wie lebt man ohne Sorgen?
Mesgarha: Der Titel baut in der schlichten Eindeutigkeit seiner Aussage eine Spannung auf. Dahinter lauern die Fragen. Kann man wirklich ohne Sorgen leben? Wäre es sinnvoll, ohne Sorgen zu leben? Sind nicht die Sorgen ein Teil von uns, und besteht nicht die Kunst des Lebens gerade darin, mit ihnen zu leben?
TAG24: Das Programm hat Zweig und seine letzten Jahre im brasilianischen Exil zum Thema. Zweig war dem Zugriff der Nazis entronnen, dennoch fand er keinen Halt mehr im Leben. Er und seine zweite Ehefrau Lotte wählten den Freitod. Die leitende Frage Ihrer Kunst lautet, wie Sie sagen: "Wie lässt sich der Mensch so zeigen, dass er nicht erklärt, sondern erkannt wird?" Was haben Sie in Zweig erkannt?
Mesgarha: Stefan Zweig hat durch die Flucht seine kulturellen Wurzeln eingebüßt. "Die Welt von Gestern", die er in seinem gleichnamigen Buch so berührend beschreibt, ist ihm verloren gegangen. So wie Lotte, seine Ehefrau, an schwerem Asthma litt, ist er an Heimatlosigkeit erkrankt. Es ist diese Zerrissenheit, der ich auf der Bühne Ausdruck geben möchte. Die Widersprüche, die in ihm gearbeitet haben, will ich durchsichtig machen.
Hat sich das Theaterpublikum angesichts der vielfältigen Krisen verändert?
TAG24: Wie bringen Sie sich ein in das Programm – Sie werden spielen, rezitieren, singen?
Mesgarha: Ich mache all das. Viele der Texte sind von Zweig, weitere Texte, die sich zu ihm verhalten, sind von mir. Ich spalte die Figur auf, um sie auf diese Weise aus verschiedenen Perspektiven beleuchten zu können. Das geschieht in Verschränkung mit meiner eigenen Person. Es sind ja immer auch die eigenen biografischen Fragen, die der Künstler mit sich auf die Bühne trägt. Die Musik kommt von Triozean, geschrieben von Olga Nowikowa.
TAG24: Wir leben angesichts von Kriegen, Nationalismus, Klimakrise, Demokratiemüdigkeit und zunehmender Gewalt in unruhigen Zeiten – kann uns das Schicksal Stefan Zweigs darüber etwas sagen?
Mesgarha: Der Abend beginnt mit einer Passage, in der ich ihn zitiere: "Eines Novembermorgens 1931 wachte ich auf und war fünfzig Jahre alt." Die Passage stammt aus der Autobiografie "Die Welt von Gestern", genauer: aus dem Kapitel, in dem Zweig seinen 50. Geburtstag im Jahr 1931 in Salzburg beschreibt. Dort reflektiert er über Lebensbilanz, Erfolg, Verantwortung und die bevorstehenden Umbrüche Europas – ein typischer Moment der Rückschau vor der Katastrophe der 1930er-Jahre. Zweig glaubte an die Kraft der Worte, der Literatur, er war Pazifist und musste das Scheitern all dessen erleben, was ihm wichtig war. Wir erkennen heute wieder, dass Frieden, Mitmenschlichkeit und Demokratie nicht selbstverständlich sind.
TAG24: Sie erleben als Schauspieler Öffentlichkeit als tägliche Begegnung mit dem Publikum – hat sich das Theaterpublikum angesichts der vielfältigen Krisen verändert?
Mesgarha: Sogar deutlich. Das Publikum kommt mir mental verunsicherter vor als vor den großen Krisen der Gegenwart. Gleichzeitig ist da diese Suche nach Ernsthaftigkeit. Ironie, die von der Bühne kommt, ist kaum mehr gefragt. Wir erkennen das an den Reaktionen, zum Beispiel Stille und Anteilnahme, nach Ende von Aufführungen oder auch einzelnen Szenen im Stück. Mein Eindruck ist, dass die Menschen nach Orientierung suchen. Was wir auf der Bühne tun, erfährt dadurch umso mehr Bedeutung. Dann ist es besonders schön zu erleben, wenn in bestimmten Momenten die Verunsicherung sich legt und die Gesichter im Publikum plötzlich hell strahlen, weil etwas auf der Bühne besonders gelungen ist.
Titelfoto: Bildmontage: Handout/Casa Zweig/dpa, Daniel Wickert

