Poulencs "Dialogues des Carmélites" an der Semperoper: Unerhört grausam und bestürzend schön

Dresden - Francis Poulencs Klassiker "Dialogues des Carmélites" neu an der Semperoper - die Produktion in Regie von Jetske Mijnssen ist eine Übernahme aus Zürich (2022), angelegt als psychologisch konzentriertes Kammerspiel. Am Pult der Staatskapelle agiert die Französin Marie Jacquot. Es ist ihre erste Begegnung als Dirigentin mit dem Stoff und erste Premiere am Semperhaus. Letztere war am Samstag.

Marjukka Tepponen als Blanche de la Force (l.) blickt auf die anderen Nonnen.
Marjukka Tepponen als Blanche de la Force (l.) blickt auf die anderen Nonnen.  © Semperoper Dresden/Jochen Quast

Die Produktion setzt auf ein starkes Ensemble sowie schlichte und ausdrucksstarke Bilder und rückt so die existenziellen Fragen von Angst, Glauben und Entscheidung auch optisch ins Zentrum

Die Handlung spielt zur Zeit der Französischen Revolution und basiert auf einer wahren Begebenheit: der Hinrichtung von Karmelitinnen aus Compiègne im Jahr 1794. Literarische Grundlage ist eine Novelle von Gertrud von Le Fort, später dramatisiert von Georges Bernanos, dessen Dialoge Poulenc weitgehend übernahm.

Im Zentrum steht die fiktive Figur der Blanche de la Force, eine junge Frau, die aus Angst vor der Welt ins Kloster flieht - und dort lernt, was wahre innere Freiheit bedeutet. Im letzten Moment erst entschließt sie sich, zusammen mit ihren Ordensschwestern in den Tod zu gehen.

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Inszenierung und Musik machen das Erschütternde des Stoffes für das Publikum fast körperlich spürbar. Wenn am Ende die von Solistinnen und Staatsopernchor gespielten Nonnen im rituellen "Salve Regina" ("Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit...") nacheinander verstummen und ihre an die Wand geschriebenen Namen ausstreichen, während das metallische Sausen des Fallbeils Mal für Mal die Szene durchschneidet, ist das kein vordergründiger Schockeffekt.

Es ist pure musikalische Transzendenz, die das unerhört Grausame der Szene mit bestürzender Schönheit kontrastiert.

Poulencs Musik ist das psychologische Röntgenbild einer Gemeinschaft unter extremem Druck.

Trotz manch männlicher Rolle ist "Dialogues des Carmélites" eine Oper der Frauen.
Trotz manch männlicher Rolle ist "Dialogues des Carmélites" eine Oper der Frauen.  © Semperoper Dresden/Jochen Quast

Trotz manch männlicher Rolle ist "Dialogues des Carmélites" eine Oper der Frauen. Marjukka Tepponen als Blanche ist die Idealbesetzung für diese komplexe Figur - mit einem Sopran, der so rein wie zerbrechlich wirkt, macht sie deren existenzielle Angst spürbar. Evelyn Herlitzius als Madame de Croissy, die sterbenskrank mit Gott hadernde Priorin des Ordens, ist stimmlich wie darstellerisch von solch intensiver Strahlkraft, dass man im Publikum den Atem anhält.

Sinéad Campbell Wallace als Madame Lidoine strahlte eine würdevolle Ruhe aus, Julie Boulianne als Mère Marie verbindet überzeugend Autorität und unterdrückte Angst ihrer Figur. Rosalia Cid als Soeur Constance bringt phasenweise eine fast kindliche Fröhlichkeit in die beklemmende Klosterwelt, was den Kontrast zum unausweichlichen Ende nur noch schmerzhafter sein lässt.

Regisseurin Jetske Mijnssen lässt die Geschichte in der damaligen Zeit. Ein spartanisch eingerichteter Adelssalon und karge Klostermauern bestimmen die Szenerie (Bühne: Ben Baur). Ihre Inszenierung ist szenisch passgenau und psychologisch treffend.

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Poulencs Musik - im Gegensatz zur Musik so vieler seiner Zeitgenossen beinah völlig tonal - ist das psychologische Röntgenbild einer Gemeinschaft unter extremem Druck. Am Pult der Staatskapelle beweist Marie Jacquot ein vorzügliches Gespür für Charakter und Architektur des Werks. Feinfühlig statt sentimental kommt es aus dem Orchestergraben, aufwühlend statt melodramatisch und dabei alles in allem hochmodern. Bestechender und packender kann Musiktheater kaum sein.

Titelfoto: Semperoper Dresden/Jochen Quast

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