Marie Jacquot über Premiere an Semperoper: "Ich freue mich darüber, dass ich wiederkommen darf"

Dresden - Die französische Dirigentin Marie Jacquot (36) gehört zu den hervorragenden jungen Vertretern der Kapellmeisterzunft. Eine Weltkarriere steht ihr nicht etwa bevor, sie ist schon mittendrin. Immer enger wird das Band zu Staatskapelle und Semperoper, Jacquot dirigiert Konzert wie Oper.

Marie Jacquot (36) gehört zu den hervorragenden jungen Vertretern der Kapellmeisterzunft.
Marie Jacquot (36) gehört zu den hervorragenden jungen Vertretern der Kapellmeisterzunft.  © CHRISTIAN JUNGWIRTH

Nun steht ihre erste Opernpremiere an (31. Januar): "Dialogues des Carmélites" von Francis Poulenc (1899-1963) über die innere Angst und den Glaubensmut einer Gruppe von Ordensschwestern, die während der Französischen Revolution auf dem Schafott umkommen.

TAG24: Frau Jacquot, Poulencs Oper spielt während der Französischen Revolution und thematisiert das Blutgericht der Jakobiner mit der Guillotine. Da bleibt von Liberté, Égalité, Fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) nichts übrig. Was sagt uns dieser Stoff heute?

Marie Jacquot: "Dialogues des Carmélites" ist eine historische Oper über ein zentrales Ereignis der Geschichte, die Französische Revolution, als ein hehres Ziel - eben Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - mit Gewalt erstickt wurde. Die Hinrichtung der Karmelitinnen hat wirklich stattgefunden.

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Es geht in der Oper um die Widerständigkeit religiöser Überzeugung und den Missbrauch von Macht, wie wir ihn bis heute immer wieder erleben können. In gewisser Weise ist das Stück eine Anti-Oper, denn es verzichtet fast völlig auf jene Sentimentalität, die man dem Genre Oper gerne zuschreibt.

TAG24: Die Produktion ist eine Übernahme aus Zürich von 2022. Ist es Ihre erste Begegnung mit dieser Oper?

Marie Jacquot: Ich dirigiere das Stück tatsächlich zum ersten Mal. Erstmalig begegnet bin ich ihm als Zuschauerin vor zehn Jahren in Wien, und ich erinnere mich gut daran, wie fasziniert ich war. Es gibt kein anderes Stück wie dieses. Es ist so unbedingt und kompromisslos in der Darstellung von Leben und Tod, wenn die Nonnen am Ende ihrer Hinrichtung entgegensehen.

Die Musik ist geradewegs auf Text und Handlung komponiert. Sie zielt direkt auf Herz und Seele, aber vermeidet jegliches Pathos. Die Schläge der Guillotine sind unverblümt in Musik übertragen, zwölf Schläge, und jedes Mal erstirbt eine Stimme, bis nichts mehr übrig ist. Diese Szene ist gewaltig.

Marie Jacquot war sechs Jahre lang Kapellmeisterin

Ihre erste Opernpremiere steht noch in diesem Monat an.
Ihre erste Opernpremiere steht noch in diesem Monat an.  © Robert Michael/dpa

TAG24: Poulencs Musik wird gern der Neoklassik zugeordnet. Steht sie im Gegensatz zu den neutönenden Entwicklungen des 20. Jahrhunderts?

Marie Jacquot: Würde ich nicht sagen. Poulenc benutzt viele musikalische Strukturen, Akkorde und verminderte Akkorde, die ihn als Vertreter der Moderne und sogar Avantgardisten ausweisen. Diese Akkorde werden ständig erweitert und verändert. Die Musik dieser Oper hat extreme Leichtigkeit und extreme Gewalt, ist also sehr kontrastvoll.

Noch dazu ist sie sehr persönlich. Poulenc war zum Katholizismus übergetreten und litt unter seiner Homosexualität. All das hat er komponiert. Die Figur der Blanche, die als einzige in der Oper eine erfundene, also Fantasie ist, ist in ihren Selbstzweifeln als eine Art Alter Ego entworfen. Was ich bewundere, ist die Wiedererkennbarkeit seiner Klangsprache. Debussy und Ravel lassen sich auf den ersten Höreindruck durchaus verwechseln, Poulenc erkennt man sofort.

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TAG24: Sie sind eine junge und gleichzeitig sehr erfahrene Dirigentin, die in den zurückliegenden Jahren eine atemberaubende Karriere hingelegt hat. Sie haben nahezu alle großen Orchester dirigiert und werden fast überall wieder eingeladen. Wie sehen Sie selbst Ihre Karriere zum aktuellen Zeitpunkt?

Marie Jacquot: Ich finde nicht, dass meine Karriere so schnell gegangen ist, immerhin war ich sechs Jahre lang Kapellmeisterin. Dabei habe ich sehr viel gelernt. Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich mit großer Dankbarkeit sagen kann, dass die Hälfte meines Repertoires Oper ist und die andere Hälfte sinfonisch. Dabei wollte ich anfangs nie Oper dirigieren.

"Ich liebe dich, du liebst mich", und am Ende sterben alle, das war mein Bild von der Oper. Ich mochte diese Gattung nicht. Dann wurde ich 1. Kapellmeisterin und Stellvertreterin des Generalmusikdirektors in Würzburg und musste Oper dirigieren. Was für ein Glück! Inzwischen bin ich der Oper in Liebe verfallen und kann mir mein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Noch dazu lernt man das Dirigentenhandwerk nirgendwo so gut wie in der Oper.

Marie Jacquot ist Chefdirigentin in Kopenhagen

TAG24: Sie sind Chefdirigentin in Kopenhagen, werden dieses Jahr noch Chefdirigentin beim WDR in Köln, sind Erste Gastdirigentin bei den Wiener Symphonikern und auch in Dresden sehr aktiv. Die Philharmonie haben Sie dirigiert und sind mehr noch mit der Staatskapelle verbunden, Sinfoniekonzert wie Oper. Was gibt Ihnen Dresden als Musikstandort?

Marie Jacquot: Ich bin den genannten Orchestern, bei denen ich feste Positionen habe oder haben werde, eng verbunden, und jedes hat spezielle individuelle Qualitäten, die ich sehr schätze. In Dresden liebe ich die Zusammenarbeit mit Semperoper und Staatskapelle. Die Staatskapelle ist eines der besten Orchester der Welt und vor allem eines, das sorgsam seinen spezifischen, typischen Klang pflegt.

Das findet man nicht mehr häufig, dabei ist dies so wichtig, weil man sich doch von anderen Orchestern unterscheiden muss, wenn man besonders sein will. Unser Weg hat vor einigen Jahren in Semper Zwei mit "Der goldene Drache" von Péter Eötvös begonnen und hat sich über mehrere Opern- und Konzertprojekte seither wunderschön entwickelt.

TAG24: Was ist das Besondere an dieser Zusammenarbeit?

Marie Jacquot: Ich habe so eine herzliche Beziehung zu einem Orchester selten erlebt. Das "Carmen"-Dirigat vor einigen Jahren machte mir klar, dass ich mir eine langfristige Beziehung zur Staatskapelle wünsche. Manchmal kann ich mein Glück noch gar nicht richtig fassen.

Im Dezember sprang ich zuletzt im vierten Symphoniekonzert für Chefdirigent Daniele Gatti ein, der erkrankt war. Unter anderem führten wir in dem Konzert Werke von Richard Strauss und Johannes Brahms auf, zwei Komponisten, welche die Staatskapelle noch selbst dirigiert hatten. Das alles ist wie ein Traum für mich.

TAG24: Was lässt sich sagen über Ihre Zukunft in Dresden? Welche Projekte sind verabredet?

Marie Jacquot: Im Juni dirigiere ich das 11. Symphoniekonzert dieser Saison der Staatskapelle, mit Werken von Beethoven und Bartók. Solist ist der Violinist Augustin Hadelich. Ich werde auch in der folgenden Spielzeit wieder auftreten. Verraten darf ich darüber noch nichts. Nur so viel: Es wird ein schönes Ereignis! Und ich freue mich darüber, dass ich wiederkommen darf.

Titelfoto: Montage: CHRISTIAN JUNGWIRTH, Robert Michael/dpa

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