München/Dresden - Dresden feiert sich derzeit selbst, mit gutem Grund. Mit der Wiedereröffnung der Festetage im Residenzschloss und der neuen Dauerausstellung "Masken und Kronen. Festkultur und Machtrepräsentation am Dresdner Hof" zu Wochenbeginn richtet sich der Blick erneut auf jene Epoche, in der die Stadt zur barocken Bühne Europas wurde. Da ist es passend, dass beinah zeitgleich der britische Historiker Tim Blanning (84) seine große Biografie "August der Starke - Sachsens Sonnenkönig" vorlegt.
Ausstellung wie Buch erzählen eine ähnliche Geschichte - die eines Herrschers, der zwischen Inszenierung und Wirklichkeit lebte. Schon beim Betreten der rekonstruierten Prunkräume im Residenzschloss wird spürbar, was Blanning in seinem Werk beschreibt: August verstand Macht als Schauspiel.
Die Feste, Maskeraden und höfischen Rituale waren keine bloße Dekoration, sondern politische Instrumente. Der Kurfürst, der sich 1697 zum König von Polen wählen ließ, inszenierte sich als europäischer Monarch - mit allem Glanz, den die Kunst aufzubieten vermochte.
Blanning zeichnet das mit großer Anschaulichkeit nach. Sein August ist kein bloßer Kraftmensch und Lebemann, wie es die populäre Legende will, sondern ein kalkulierender Regisseur seiner selbst.
Dresden wurde unter seiner Herrschaft zur Bühne, auf der Architektur, Sammlungen und Zeremonien eine klare Botschaft vermittelten: Hier residiert ein Fürst von Rang, ein "Sonnenkönig" an der Elbe.
An diesem Punkt setzt die konsequente Korrektur des Historikers ein. Hinter der glänzenden Oberfläche entdeckt er Risse. Die polnische Königskrone, die August den ersehnten Aufstieg in die erste Liga der Mächte ermöglichen sollte, erwies sich als schwer zu tragen. Anders als im straff regierten Sachsen musste er sich in Polen ständig gegen einen selbstbewussten Adel behaupten. Macht war dort nicht gegeben, sondern musste immer wieder neu ausgehandelt werden.
Blannings Werk und die Ausstellung im Residenzschloss stehen in unmittelbarem Zusammenhang
Im Schatten dieser Spannung entfaltet Blanning die eigentliche Dramatik der Figur: Während August in Dresden Triumphe feierte, geriet er auf der europäischen Bühne stark unter Druck - besonders im Großen Nordischen Krieg, der seine politischen Ambitionen empfindlich erschütterte. Zeitweise verlor er sogar die polnische Krone, Sachsen geriet unter schwedische Besatzung.
Es ist die Gleichzeitigkeit von äußerem Glanz und politischem Ungeschick, die Blanning so überzeugend herausarbeitet. Da entsteht Nähe zur neuen Ausstellung im Residenzschloss. "Masken und Kronen" - der Titel könnte kaum treffender sein.
Was dort sinnlich erfahrbar wird, beschreibt Blanning analytisch: die Maske als Mittel der Selbstinszenierung, die Krone als Symbol einer Macht, die keineswegs selbstverständlich war. Beides gehörte untrennbar zusammen.
Der Autor geht noch einen Schritt weiter. Er deutet die kulturelle Blüte Dresdens nicht nur als Ausdruck von Reichtum oder Geschmack, sondern auch als Kompensation. Je unsicherer Augusts politische Stellung in Polen wurde, desto stärker investierte er in die sichtbare Pracht seines Hofes. Die Kunst wurde zum Gegengewicht der Politik - und vielleicht auch zu ihrem Ersatz.
Blanning bringt August als widersprüchliche Figur aufs Papier
Blanning gelingt es, die vertraute Figur teils neu zu sehen, ohne sie zu entzaubern. Sein August bleibt schillernd, widersprüchlich, faszinierend. Ein Herrscher, der scheiterte - und dadurch Größe gewann.
"August war nicht aus dem Stoff, aus dem Helden der Geschichtsschreibung gemacht sind", heißt es im Buch, "er war ein unmoralischer Genussmensch, verschwenderisch ohne jede Rücksicht, skrupellos, gewissenlos in der Verfolgung sinnlicher Vergnügungen."
Und: "In der Welt der Politik führte seine volatile Persönlichkeit zu Enttäuschung, gefolgt von Misserfolg, gefolgt von Aufschwung, gefolgt von Enttäuschung und so weiter." Im Bereich der Kultur aber seien Augusts zahlreiche Fehler zu Vorzügen geworden, "die ihn zu einer Ikone machten, zum Inbegriff des Barock".
Wer dieser Tage durch das Residenzschloss streift, begegnet nicht nur rekonstruierter Vergangenheit, sondern einer Deutung, die durch Tim Blannings Buch zusätzlich Tiefe erhält.