Business Angel bringen gute Ideen ans Laufen
Dresden - Wenn sich eine clevere Idee partout nicht in ein geniales Produkt verwandeln lässt, wünscht man sich einen helfenden Engel. Die gibt's wirklich!
Sogenannte Business Angels (Unternehmensengel) sind die Mütter und Väter unserer Zukunft. Sie sind qualifiziert, gut bei Kasse und nicht selten kinderreich.
Ihre Babys sind oft mehrere blutjunge Start-ups gleichzeitig, die sie mit Muttermilch in Form von Risikokapital, Branchenwissen und Netzwerk-Kontakten großziehen.
Und wie das bei Kindern so ist, wünscht sich auch ein Business Angel, dass sich seine Erziehung später einmal auszahlt.
Wir stellen einen dieser Starthelfer der Technologien von morgen vor.
"Schuster, bleib' bei deinen Leisten"
Schuster, bleib' bei deinen Leisten. Das alte Sprichwort gilt auch für die moderne Kapitalbeschaffung und die Investments von Dr. Wolfram Drescher (59), Business Angel aus Dresden. Er investiert bewusst nur in Branchen und Unternehmen, deren Geschäft er aus eigener Erfahrung kennt und deren Produkte er dank seiner Ausbildung vielleicht auch selber hätte entwickeln können. Dreschers "Leisten" sind dabei Halbleitertechnologien und Telekommunikation.
Der Investor hat Elektrotechnik an der TU Dresden studiert. 1999 gründete er mit Kommilitonen seine erste Firma Systemonic AG. Sie entwickelte Chips und Software fürs WLAN, als es das kabellose Internet noch gar nicht gab und Start-ups noch Uni-Ausgründungen oder innovative Kleinunternehmen genannt wurden.
"Wir beschäftigten 120 Ingenieure, lieferten uns einen Wettlauf mit einer australischen, einer israelischen und einigen US-amerikanischen Firmen um den weltweit ersten WLAN-Chip." Systemonic war so erfolgreich, dass die Dresdner Firma dreieinhalb Jahre später vom Branchengiganten Philips - heute NXP Semiconductors, einer der weltweit größten Halbleiterhersteller mit Sitz in den Niederlanden - übernommen wurde.
Dieses Muster wiederholte sich noch drei weitere Male. So steckte das in Dreschers Blue Wonder Communications GmbH entwickelte LTE-Modem später in jedem iPhone. Seine Siltectra GmbH lieferte eine Lasertechnologie zum Spalten von Wafern, womit die dünnen kreisrunden Scheiben zur Fertigung von Mikrochips verlustfrei hergestellt werden konnten. Nutznießer ist heute der Chipriese Infineon.
Dreschers dritte Firma - die Airrays GmbH - baut Antennen für den modernen Mobilfunkstandard 5G. "Dabei benötigt jede einzelne Antenne Hi-Tech-Komponenten mit einer höheren Rechenleistung als 100 Heim-PC", erklärt der Entwickler, dessen Firma schließlich von AMD übernommen wurde.
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Drescher musste Verluste im sechsstelligen Bereich verschmerzen
Fundierte Ausbildung, Firmengründung, Dauerlauf bis zum Klassenprimus und schließlich lukrativer Verkauf - mit dieser Erfahrung im Nacken und solventen Rücklagen auf dem Konto ist Drescher heute Business Angel.
Ähnlich wie in der TV-Sendung "Höhle der Löwen" kauft er sich dabei mit Firmenanteilen in blutjunge Start-ups ein. "Die Anteile liegen dabei meist bei fünf bis 20 Prozent", verrät er. Doch ausgerechnet eine exzellente Beratung der Engel schmälert diesen Anteil. "Denn wenn ein neues Produkt die Kinderkrankheiten überstanden hat, holen wir für weitere Finanzierungsrunden Venture-Capital-Investoren mit ins Boot", erklärt Drescher. Die legen meist Millionen auf den Tisch, sodass die Firmenanteile der Business Angel auf einstellige Prozentwerte zusammenschrumpfen.
Derzeit hält Drescher weltweit Beteiligungen an Firmen in Frankreich, der Schweiz, Finnland, den USA und Deutschland - vier davon auch in Sachsen (siehe Kästen). "Früher habe ich für die Koordinierung quasi im Flugzeug gelebt", erzählt er.
Heute sitzt er bis zu fünf Stunden täglich in Videokonferenzen, fährt regelmäßig zu Meetings zu seinen Schützlingen nach Frankreich, München und Leipzig. "Ich helfe bei Steuer- und Finanzthemen, beeinflusse Firmenstrategien und vermittle meine Kontakte mit Entscheidern namhafter Herstellerfirmen."
Zu neuen Firmenbeteiligungen kommt er zumeist über Empfehlungen von Kollegen oder bei Präsentationen von Geschäftsideen, sogenannten Pitch-Präsentationen. "Bei der Auswahl von unterstützenswerten Start-ups reicht mir kein Businessplan. Ich bewerte eine Firma zu 60 Prozent über das Auftreten der Gründer. Ihnen muss ich zutrauen, dass sie ihr Projekt auch gegen Widerstände durchziehen können." Allen kann er nicht helfen. "Ich habe Zugriff auf jährlich 500 Businesspläne, schaue mir etwa 50 davon genauer an und habe im vergangenen Jahr in fünf Start-ups investiert."
Nicht ohne Risiko. Drescher hat zwar ein geschultes Näschen für bahnbrechende Ideen und innovative Produkte. "Im Laufe der Jahre habe ich aber auch schon Verluste im sechsstelligen Bereich verschmerzen müssen", gesteht er. Auch Engel können irren.
"Gedächtnis" ohne Strom
Für die Dresdner Ferroelectric Memory Company (FMC) im Industriegebiet an der Königsbrücker Straße war Wolfram Drescher Geburtshelfer, rief sie 2016 als Uni-Ausgründung selber mit ins Leben.
FMC entwickelt aus einem neuartigen Material Speicherchips. Sogenannte DRAM-Memorychips (zum Beispiel als Arbeitsspeicher in Computern im Einsatz) können Daten zwar schnell verarbeiten - bislang jedoch nur, wenn sie unter Spannung stehen.
Bei FMC behalten sie ihr Gedächtnis dagegen auch stromlos. Die Chips sollen künftig in Sachsen-Anhalt produziert werden.
Investitionsvolumen für eine Fabrik: 3 Mrd. Euro. "Bei der Beratung habe ich auf Förderprogramme hingewiesen", sagt Drescher.
Gespräche mit Land, Bund und der EU laufen.
CO₂- Entschärfung
Die Leipziger enaDyne GmbH ist eine Ausgründung aus der TU Bergakademie Freiberg.
Mithilfe ihres neuartigen Plasmareaktors kann umweltschädliches Kohlendioxid in gefragte Chemieprodukte wie Ethanol (zur Herstellung von Desinfektions- und Lösungsmitteln) oder Methanol für die Öko-Treibstoffe der Zukunft verwandelt werden. Drescher steckt als Kapitalgeber mit einem zweiten Business Angel in der Firma, hat dem Start-up bei der Anmietung von Räumen, der Finanzierung von Equipment zur Grundausstattung und Vermittlung neuer Investoren unter die Arme gegriffen.
"So brauchten sie in der Größenordnung von zwei Millionen Euro neues Geld, um allein die Personalkosten des Entwicklerteams über die ersten zwei Jahren zu decken."
KI-Chips
Die Semron GmbH wurde 2015 gegründet, sitzt an der Dresdner Frauenkirche.
Sie entwickelt eigene KI-Chips für Handys und Kameras, damit diese KI-Daten auch ohne Anbindung an energieintensive KI-Rechenzentren auswerten können.
Weiterer Vorteil gegenüber gängigen KI-Chips: Sie sind leistungseffizienter und kleiner.
Bei Semron sitzt Drescher im Aufsichtsrat, lässt seine Kontakte zu Netzwerken in den USA, Taiwan, Japan und zum Weltmarktführer Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) für einen geplanten Fabrikneubau in Sachsen spielen.
Buchungs-Bots
Dreschers neuestes Investment in Sachsen steckt in der 2025 gegründeten Leipziger Onsai GmbH. Sie entwickelt einen KI-Telefonagenten für Hotels, um Buchungen und Kundenanfragen durch einen KI-Bot abwickeln zu lassen - in 25 Sprachen.
"Der Erstkontakt kam über eine Präsentation von futureSAX zustande", sagt Drescher.
"Einmal im Monat nehme ich jetzt an Onsai-Meetings in Leipzig teil."
futureSAX fungiert als Plattform
Die sächsische Innovationsplattform futureSAX verknüpft allein in Sachsen fast 100 Investoren im Business-Angel-Netzwerk.
"Wir verbinden hochinteressante sächsische Start-ups mit den passenden Business Angels. Sie investieren meist als erste in ein junges Unternehmen und tragen das größte Risiko", weiß Susanne Stump (45), Geschäftsführerin der futureSAX GmbH.
"So können aus innovativen Ideen von heute erfolgreiche Wachstumsunternehmen von morgen werden, die den Wirtschaftsstandort Sachsen stärken."
futureSAX organisiert jährlich etwa zehn Veranstaltungen, bei denen sich mindestens 50 sächsische Start-ups vor Investoren präsentieren können - dieses Jahr unter anderem im Vogtland, im Erzgebirge, in Leipzig, aber auch in Basel, auf der Hannover Messe und auf dem EBAN (European Business Angel Network) Congress in Vilnius.
Titelfoto: Bildmontage: www.henthorn.eu, Steffen Füssel, FMC Dresden, Ralf Seegers, Semron

