Wo dieser Laster hält, wird gelesen: Darum ist Dresdens rollende Bibo so erfolgreich

Dresden - 15 Meter lang, 15 Tonnen schwer und vollgepackt mit Geschichten: Die Dresdner Fahrbibliothek bringt Bücher direkt vor die Haustür. Wo sie hält, wird gelesen, gestöbert und geplaudert. Das Angebot wird immer beliebter.

Neben der rollenden Bibo betreut Marika Schwer (62) auch den ehrenamtlichen Bücherdienst und die Ausleihstellen.  © Thomas Türpe

Rund 7000 Medien sind im hellblauen Riesen auf Rädern untergebracht.

"Wir haben alles dabei - von Kinderbüchern über Belletristik bis hin zu Fachbüchern und Zeitschriften. Alles, was eine normale Stadtteilbibliothek hat, haben wir auch", sagt Marika Schwer (62), Leiterin der rollenden Ausleihe.

Vier Tage pro Woche ist die Fahrbibliothek unterwegs, mit zwei bis drei Haltestellen am Tag.

Dresden Lokal Dresdner Studie soll Risiko für Schlaganfälle mindern

Gesteuert wird der Koloss von einem Fahrer, begleitet von einem weiteren Mitarbeiter. Besonders gefragt: "Ganz viel Kinderliteratur und Belletristik - Sachliteratur natürlich auch", so Schwer.

Anzeige

Fahrbibo ist Deutschlands älteste Bibliothek auf Räder

Marit Kunis (51) weiß, dass die Fahrbibliothek richtig gut nachgefragt ist.  © Thomas Türpe

Das Angebot richtet sich vor allem an Menschen, für die der Weg in eine feste Bibliothek zu weit ist.

"Meistens kommen Menschen, die den langen Weg nicht mehr schaffen, und Familien mit kleinen Kindern", erklärt Schwer.

"Das Ganze hat eine große soziale Bedeutung. Wir fahren zu den Leuten - nicht die Leute zu uns."

Dresden Lokal Römisches Bad bekommt prominente Unterstützung

Dass das Konzept aufgeht, bestätigt auch Marit Kunis (51), Direktorin der Städtischen Bibliotheken. "Wir haben eine sehr heterogene Kundschaft, das sind längst nicht nur Senioren. Die Nachfrage ist richtig gut und die Zahlen steigen."

Die Fahrbibo ist dabei nicht irgendein Angebot: Sie ist Deutschlands älteste Bibliothek auf Rädern. Ziel sei es, so Kunis, dass "niemand länger als 15 Minuten bis zur nächsten Bibliothek braucht".

Lesen verbindet - Ein Kommentar von Benjamin Schön

Knapp 1,7 Millionen Besucher hatten die Städtischen Bibliotheken samt Fahrbibliothek im vergangenen Jahr.  © Thomas Türpe

In Zeiten von Apps, Online-Portalen und digitalen Bildungsangeboten wird gern übersehen, dass nicht alle Menschen mithalten können.

Nicht jeder ist mobil, nicht jeder digital fit, nicht jeder hat die Kraft oder Möglichkeit, lange Wege zurückzulegen. Genau hier zeigt die Dresdner Fahrbibliothek schon seit fast einem Jahrhundert, was moderne Daseinsvorsorge wirklich bedeutet.

Der Bücher-Lkw ist kein charmantes Überbleibsel aus analogen Zeiten, sondern eine Antwort auf reale Lebenslagen. Er bringt Bildung, Information und Begegnung dorthin, wo sie sonst fehlen würden. Für Familien mit kleinen Kindern ebenso wie für Schüler, Berufstätige oder Senioren. Die bunte Mischung der Besucher zeigt: Das Angebot ist alles andere als ein Nischenprojekt - Lesen verbindet Generationen.

Während vielerorts über neue Apps und digitale Lösungen diskutiert wird, fährt die Fahrbibliothek einfach los. Sie ersetzt keine Technik, sondern ergänzt sie dort, wo Technik allein nicht reicht. Denn Bildung braucht nicht nur Inhalte, sondern auch Menschen, Zeit und Vertrauen. Und das liegt auch im digitalen Zeitalter bei vielen noch in Büchern.

Kultur darf nicht davon abhängen, wie weit jemand laufen kann oder wie gut er sich im digitalen Raum bewegt. Die Fahrbibliothek beweist, dass es auch anders geht: nicht zentral, sondern nah. Nicht kompliziert, sondern zugänglich. Vielleicht ist genau das die modernste Form von Kulturpolitik – eine, die zu den Menschen kommt, statt sie auf dem Weg zu verlieren.

Mehr zum Thema Dresden Lokal: