Tatortreiniger im Einsatz: Ehepaar übernimmt Reinigung nach tragischen Todesfällen

Dresden - Während andere lieber wegsehen, packen Tino (47) und Vivien (43) Fremdling an: Das Ehepaar aus Dresden hat sich auf Tatortreinigung spezialisiert und rückt immer dann aus, wenn nach Todesfällen Orte gereinigt werden müssen. Im Gespräch mit TAG24 verraten sie, was hinter verschlossenen Türen passiert - und wie ihr Alltag an ungewöhnlichen Einsatzorten aussieht.

Tino und Vivien Fremdling sind nicht nur beruflich ein eingespieltes Team, sondern auch ein Ehepaar.  © Tatortreinigung Dresden / Tino und Vivien Fremdling

Seit 2014 führen die beiden gemeinsam ein Familienunternehmen in Dresden, unterstützt von ihrem ältesten Sohn und einem weiteren Mitarbeiter. "Meine Frau und ich sind seit vielen Jahren ein eng zusammengeschweißtes Team. Beruflich so wie auch in der Ehe", so der 47-Jährige gegenüber TAG24.

Ursprünglich als klassisches Reinigungsunternehmen gestartet, entwickelte das Paar im Laufe der Jahre den Wunsch nach einer neuen Herausforderung. 2019 folgte schließlich der Schritt in eine besondere Nische: die Spezialisierung auf Tatortreinigung. Seitdem gehört dieser Bereich fest zu ihrem Arbeitsalltag.

Dabei geht es um weit mehr als gewöhnliche Reinigungsarbeiten. "Zu unseren Spezialaufgaben gehört die Spurenbeseitigung nach Mord, Suizid sowie nach Unfällen im Arbeits- oder häuslichen Umfeld", erklärt das Paar. Tino ergänzt: "Auch Leichenfundortreinigung, die Bearbeitung von Messiwohnungen, Beräumung und Entkernung, Ozonbehandlung sowie Desinfektionsmaßnahmen zählen zu unseren täglichen Aufgaben."

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Dass sie diese sensible Arbeit auf höchstem Niveau beherrschen, wurde 2026 auch offiziell bestätigt: Ihr Unternehmen erhielt den HIPE AWARD - eine Auszeichnung für besondere Servicequalität in einem Bereich, der sonst meist im Verborgenen stattfindet.

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Das Team erlebt Fälle, die tief betroffen machen

Oft handelt es sich bei den Einsätzen um Leichenfundorte mit einer Liegezeit von mehreren Wochen oder Monaten.  © Tatortreinigung Dresden / Tino und Vivien Fremdling

Ihr Einsatzgebiet umfasst ganz Sachsen - auf Anfrage geht es aber auch weit darüber hinaus. "Wir hatten auch schon Einsätze in Polen", erzählt das Duo.

Beauftragt werden sie je nach Situation von Angehörigen, Wohnungsgesellschaften oder Behörden. "In dringlichen Fällen und öffentlichen Stellen werden wir auch von der Kripo oder vom Kriseninterventionsteam angerufen, die vor Ort auf uns warten." Die Aufträge erfolgen dabei rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche, "sodass unmittelbar gehandelt werden kann, sobald die Wohnung freigegeben ist", erklärt Tino.

Dabei begegnet das Team auch Fällen, die sie nicht mehr loslassen: "Zwei Sprünge aus einem Hochhaus vor über zwei Jahren - zwei ältere Damen aus dem 11. und 13. Stock im Abstand von sechs Wochen" sowie "ein Mann und Familienvater, der sich das Leben genommen hat", berichtet das Ehepaar bedrückt.

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Im Nachgang sprechen sie viel miteinander über solche Einsätze, um das Erlebte zu verarbeiten und einordnen zu können. Dabei wird ihnen immer bewusst, wie wertvoll, aber auch kurz das Leben ist. "Wir alle sollten das Leben stets wertschätzen und unsere Lebenszeit genießen", betonen die beiden Dresdner.

Von verschimmelten Essensvorräten bis hin zu massiven Spinnweben an den Wänden - die Tatortreiniger trotzen selbst den extremsten Bedingungen.  © Tatortreinigung Dresden / Tino und Vivien Fremdling

Vom Suizid über Leichenfunde bis hin zu verwesten Wohnungen

Solche Anblicke lassen selbst Profis nicht kalt - auch nicht Tino, Vivien und ihr Team.  © Tatortreinigung Dresden / Tino und Vivien Fremdling

Um zu zeigen, was wirklich hinter ihrem prägnanten Beruf als Tatortreiniger steckt, teilt das Paar seinen Alltag auf Social Media. Dabei verfolgen die beiden Dresdner eine klare Botschaft: "Jeder von uns kann im Laufe seines Lebens durch Ereignisse aus der Bahn geworfen werden, und da ist es wichtig, dass man nicht allein dasteht."

Seit mehreren Jahren begegnen der 47-Jährige und seine Frau den unterschiedlichsten Schicksalen - von versuchten Suiziden über hilflose Senioren bis hin zu extrem verwahrlosten Wohnungen. Ein Fall vor rund zwei Wochen blieb ihnen besonders im Gedächtnis, als das Team ein blutverschmiertes Zuhause betratet. 

"Zwei Brüder, die jeden Abend um die Wette getrunken haben, beide haben sich regelrecht totgesoffen", berichten die Tatortreiniger auf Instagram. Beide starben innerhalb weniger Monate an den Folgen einer Leberzirrhose. Trotz aller Routine gibt das Team offen zu, dass solche Tragödien auch an ihnen nicht spurlos vorbeigehen.

Doch auch mit dem Thema der Selbsttötung kommen die Tatortreiniger oftmals in Berührung. Erst vor wenigen Tagen war die Fremdling-Gruppe in einer Wohnung im Einsatz, in der eine Person glücklicherweise erfolglos versucht hatte, sich das Leben zu nehmen.

"Wir sind immer dankbar, wenn die Einsatzkräfte so schnell handeln und den Betroffenen damit ein zweites Leben schenken", so die Tatortreiniger. Dennoch hinterließ der Versuch sichtbare Spuren: vom Sofa über den Küchenboden bis hin zum Türrahmen - eine Serie aus Blutresten.

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Abseits von Gewaltverbrechen engagieren sich die Tatortreiniger auch für Menschen in Not

Routine? Fehlanzeige. Die Dresdner Tatortreiniger erwartet täglich ein neues Abenteuer.  © Fotomontage/ Instagram/Screenshots/tatortreingungdresdenfremdling

Zu den wohl berüchtigtsten Aufgaben im Alltag eines Tatortreinigers gehört die Versorgung von Leichenfundorten. Da die Todesursachen meist völlig unterschiedlich und oft nicht vorhersehbar sind, stellt jeder Einsatz das Team vor neue Herausforderungen.

Das zeigte auch ein aktueller Fall: "Verstorben auf der Couch. Der Gestank war extrem", beichtet das Team. Was nach dem Abtransport des Verstorbenen oft zurückbleibt, sind "Biomasse, Körperflüssigkeiten und Haare." Eine weitere Mutprobe: Schädlinge wie Kakerlaken, Maden oder Fliegen.

Abseits von Gewaltverbrechen und schweren Schicksalsschlägen engagieren sich die Tatortreiniger auch für Menschen in Not. Dort, wo die Pflegekräfte an ihre Grenzen stoßen, greifen die Tatortreiniger ein. Während der Osterfeiertage trafen die Profis auf eine alte Frau - hilflos und alleinlebend.

Sowohl ihre Toilette als auch die Badezimmerfliesen waren voll von menschlichen Fäkalien - ein trauriger Anblick. "Pflegedienst kam für fünf Minuten, Tablette gegeben, nicht einmal mit ihr gesprochen, nicht hinterfragt wie es ihr geht oder ob sie Wünsche hat, einfach wieder gegangen", kritisiert Tino.

Im Zuge dessen nahm sich Vivien die Zeit, um mit der älteren Dame ins Gespräch zu kommen und sich ihrer Sorgen anzunehmen.

Die Reaktionen rund um den Alltag der Tatortreiniger sind überwiegend positiv und reichen von Respektbekundungen bis hin zu persönlichen Nachrichten von Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Solltet Ihr selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, findet Ihr bei der Telefonseelsorge rund um die Uhr Ansprechpartner, natürlich auch anonym. Telefonseelsorge: 08001110111 oder 08001110222 oder 08001110116123.

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