Dresdens Bundestags-Abgeordneter im Interview: Wer ist eigentlich dieser Markus Reichel?

Dresden/Berlin - Im September 2021 wählten die Dresdner den 53-jährigen Markus Reichel zu einem ihrer neuen Bundestagsabgeordneten. Was für ein Mensch versteckt sich hinter dem CDU-Politiker, der in Dresden zuhören und in der Berlin kämpfen will? Wir haben da mal für Euch nachgefragt!

Markus Reichel (53, CDU) ist Abgeordneter für den Wahlkreis Dresden I.
Markus Reichel (53, CDU) ist Abgeordneter für den Wahlkreis Dresden I.  © Christian Kielmann

TAG24: Herr Reichel, wer sind Sie?

Markus Reichel: "An erster Stelle bin ich fünffacher Vater und Ehemann, Mathematiker, Unternehmer, Kampfsportler und Optimist. Ich bin aber auch seit September 2021 der direkt gewählte CDU-Bundestagsabgeordnete für den Dresdner Süden und Osten, und das ist eine wirklich spannende Aufgabe, um die ich echt gekämpft habe.

Ich möchte daran mitwirken, dass wir unser tolles Land noch besser machen, und da gibt es eine ganze Menge zu tun. Ich bin stolz, jetzt für Dresden in Berlin sein zu dürfen."

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TAG24: Die meisten Dresdner kennen Sie vor allem von Ihren Wahlplakaten, doch wofür stehen Sie darüber hinaus?

Reichel: "Hier in Berlin brauchst du Konsequenz, Hartnäckigkeit und Bereitschaft, die Auseinandersetzung einzugehen und zu suchen. Darüber hinaus bin ich ein Unternehmensgründer, der bereits mit seinen Händen etwas im Leben aufgebaut hat und bisher über 50 Jahre außerhalb der Berufspolitik gelebt hat.

Jetzt habe ich mir gesagt, dass es auch mal gut ist, wenn Praktiker, die mitten im Leben stehen, sich für das Land einbringen. Damit kann ich vor allem meine Wirtschaftsexpertise einbringen, sowie die Zukunftsthemen Familien- und Arbeitspolitik und Digitalisierung für Deutschland mitgestalten."

Reichel: "Wer wegen Geld verdienen in die Politik geht, der hat nicht verstanden, wie Politik läuft"

Seit Kurzem ist in Reichels Büro auch nicht mehr zu übersehen, welche Stadt er in Berlin vertritt. Politikredakteur Paul Hoffmann (29, links unten) und TAG24-Reporter Erik Töpfer (22, r.) ließen sich vom schönen Ausblick dennoch nicht ablenken.
Seit Kurzem ist in Reichels Büro auch nicht mehr zu übersehen, welche Stadt er in Berlin vertritt. Politikredakteur Paul Hoffmann (29, links unten) und TAG24-Reporter Erik Töpfer (22, r.) ließen sich vom schönen Ausblick dennoch nicht ablenken.  © Christian Kielmann

TAG24: Abi 1,0, Studium 1,0 und nebenbei noch etwas Japanisch gelernt. Gibt es für Sie nicht woanders mehr Geld zu verdienen als in und für Dresden in der Politik?

Reichel: "Wer wegen Geld verdienen in die Politik geht, der hat nicht verstanden, wie Politik läuft. Es ist klar, dass du als Politiker ständig gefordert bist. Das gilt auch für die Familie. Natürlich kann man irgendwo mehr Geld verdienen als das, was Abgeordnete bekommen. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass jeder Politiker immer einen beruflichen Plan B parat haben sollte."

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TAG24: Wie waren die ersten Monate in Berlin eigentlich so, haben Sie sich schon einleben können?

Reichel: "Nach unglaublich intensiven acht Monaten weiß ich jetzt, wie der Hase läuft. Die neuen Abgeordneten kommen hier an, steigen plötzlich in einen Haufen Gesetzgebungsdinge ein und stehen erstmal mit großen Fragezeichen davor. In den ersten Monaten muss man besonders viel lesen, viel sprechen und verstehen.

Das alles ist eine riesige Fortbildungsaktion, die ich machen muss und will. Dazu kommt, dass an zwei Orten ein starkes Team aufgebaut und das Büro organisiert werden muss. Ich kann heute sagen, dass ich inzwischen fest im Sattel sitze."

CDU/CSU bereiteten ihre Neuen mit einem Boot-Camp vor

Reichel ist ein Mitglied der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
Reichel ist ein Mitglied der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.  © Christian Kielmann

TAG24: Müssen Sie sich hier alles selbst beibringen?

Reichel: "Im Wesentlichen, ja. Am Anfang gab es ein dreitägiges Boot-Camp für alle Neuen, das hat die Fraktion klasse gemacht. Als 21er-Jahrgang sind wir da echt zusammengewachsen. Aber du bekommst in drei Tagen nicht all das mit, was hier an nicht aufgeschriebenen Wissen vorhanden ist. Aber wenn es hart auf hart kommt, kannst du natürlich immer zu einem Kollegen oder einer Kollegin gehen und nachfragen."

TAG24: Apropos sich selbst überlassen: Wie und wo leben Sie hier? Macht es Spaß, als quasi-Junggeselle durch Berlin zu laufen?

Reichel: "Es macht Freude, ein kleiner Unterschied. Ich komme montags früh oder vormittags an und am Freitag geht es irgendwann zurück. Mein Lebensmittelpunkt bleibt Dresden! In Berlin bin ich, weil ich super Arbeit machen will, aber es ist eben mein Arbeitsort. Ich lebe hier im Hotel und nehme mir gar keine Wohnung.

Jede Minute ist voll, von morgens bis abends. Die Wahlkreiswochen in Dresden sind mir genauso wichtig und sind daher genauso voll – nur so kann ich aber alle Themen vor Ort von Bürgern, Vereinen, Institutionen und Unternehmen aufnehmen, für die ich in Berlin kämpfen will."

Zeit für Sport muss auch in der vollsten Arbeitswoche sein

Etwas spaßig könnte man sagen: Beim Joggen macht sich Reichel auch für die schier endlosen Gänge im Bundestag fit.
Etwas spaßig könnte man sagen: Beim Joggen macht sich Reichel auch für die schier endlosen Gänge im Bundestag fit.  © Christian Kielmann

TAG24: Von Montagmorgen bis Freitagabend wird durchgearbeitet?

Reichel: (Lacht) "Natürlich muss man gucken, wo die Grenze ist. Ich mache leidenschaftlich Aikidō und lege viel Wert darauf, dass ich es ein bis zweimal die Woche spät abends noch zum Training schaffe – auch wenn mein Kampfanzug die Hälfte des Koffers einnimmt.

Bislang ist mir das auch immer gelungen. Außerdem treffen wir uns mittwochs und freitags um 6.20 Uhr mit anderen Leuten zum Joggen. Also: Auch wenn der Tag voll ist, muss das für mich als Mensch auch nachhaltig sein."

TAG24: Reichels Running Klub?

Reichel: (Lacht) "Das ist leider nicht mein Klub, aber auch ein Running Gag!"

TAG24: Haben Sie es denn in den acht Monaten auch schon geschafft, Job, Familie und den Sport unter einen Hut zu kriegen oder bleibt da langfristig etwas auf der Strecke?

Reichel: "Dazu kommt ja noch das Unternehmen, das ich als junger Wissenschaftler gegründet und mit meiner Frau geführt habe. Und da habe ich ja nicht bei meinen Leuten einen Antrag auf vierjährigen Urlaub gestellt; mit der Bitte, mir doch so lange den Platz freizuhalten.

Ich bin meiner Frau sehr dankbar, dass sie die Firma und unser Team jetzt auch ohne mich weiterentwickelt und auch meine Aufgaben übernommen hat. Für jemanden, der aus der Wirtschaft kommt und selbstständig ist, ist das "unter einen Hut kriegen" schon ein Ding, dieser Freiraum muss erstmal geschaffen werden. Da muss die Familie mitspielen. Wenn die nicht dahintersteht, kannst du so einen Job nicht machen. Die Kunst ist, all die Dinge parallel zu schaffen."

Reichels Frau hält zu Hause die Stellung

Das Kanzleramt im Blick? Reichel auf einem seiner langen Wege im Bundestag.
Das Kanzleramt im Blick? Reichel auf einem seiner langen Wege im Bundestag.  © Christian Kielmann

TAG24: Ihre Frau scheint ja sehr eingebunden zu sein. Ist sie da Stammeshüterin Reichel in der Dresdner Politik?

Reichel: "Nein, nein, meine Frau hat die komplette Führung der Firma übernommen. Mit der CDU ist sie zwar selbst schon seit fast 20 Jahren verbunden und engagiert sich mit Überzeugung ehrenamtlich unter anderem für Sachsen und Europa. Im Dresdner Kreisverband habe ich zum Glück aber einen sehr guten Vorstand, der mich vertritt, wenn ich nicht da bin."

TAG24: Noch einmal zu Ihrer Firma: Was für ein Unternehmen haben Sie denn wann wieso gegründet?

Reichel: "Meine Firma habe ich 1999 gegründet. Schon vor 25 Jahren war das Thema meiner Doktorarbeit Energiewirtschaft und erneuerbare Energien. Meine Diplomarbeit habe ich als Mathematiker über Solarzellen geschrieben. Das, was ich früher dort aufgeschrieben habe, ist später auch eingetreten (schmunzelt).

Das hat mir zwar nicht so viel gebracht, aber immerhin. Meine Firma, die ich dann vor 23 Jahren gegründet habe, hatte das Ziel, deutsch-polnische Energieprojekte gerade auch bei erneuerbaren Energien zu entwickeln und voranzubringen. Das haben wir auch eine ganze Weile gemacht.

Jetzt sind wir zu dem sächsischen Experten für das Internationalisieren in über 50 Branchen geworden. Gemeinsam mit unseren mittelständischen Partnern auf allen Kontinenten sorgen wir dafür, dass sich die deutsche mittelständische Wirtschaft auch international aufstellen kann."

"Komplette Transparenz" ist für Reichel alternativlos

Für den Abgeordneten Reichel dürfen die Interessen des Geschäftsmann Reichel keine Rolle spielen.
Für den Abgeordneten Reichel dürfen die Interessen des Geschäftsmann Reichel keine Rolle spielen.  © Christian Kielmann

TAG24: Und die Erfahrung können Sie auch in den Bundestag mit einbringen?

Reichel: "Genau. Letzte Woche war ich in Polen mit der Fraktion, morgen kommt eine polnische Delegation hierher. Wir reden dann über Erfahrungsaustausch in der Wasserstoffnutzung, wo ich meine ökonomische Expertise und Polnisch-Kenntnisse für eine gute Sache einbringen kann."

TAG24: Wie schafft man denn die Trennung zwischen wirtschaftlichem Eigeninteresse am Energiethema und dem politischen Bereich?

Reichel: "Komplette Transparenz! Wir sind als Abgeordnete dazu angehalten, alles bis auf den Cent genau transparent zu machen und das ist auch gut so. Alle Probleme in dem Bereich, bei denen die Dinge durcheinandergeraten sind, rühren daher, dass man da früher die Grenze nicht so strikt gezogen hat. Als Abgeordneter sehe ich meine Aufgabe darin, wichtige Brücken für unser Land zu bauen und einen gesunden Menschenverstand in die manchmal sehr theoretischen Themen einzubringen."

TAG24: Gibt es in Berlin eigentlich schon Lieblingsorte? Restaurants, Spazierrouten oder einen tollen Ausblick für den Sonnenuntergang?

Reichel: "Ich laufe gerne zu meinen Terminen, sofern ich mir das einrichten kann. Berlin ist zwar keine schöne, aber eine in sich interessante Stadt. Auch durch meinen Sport komme ich so aus dieser Blase ein bisschen raus - obwohl der ganze Bundestagskomplex in sich beeindruckend ist."

TAG24: Und den Sonnenuntergang?

Reichel: "Den habe ich mir noch nicht angeschaut, das mache ich mal, wenn meine Frau mich besuchen kommt."

Titelfoto: Christian Kielmann

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